2013
06.09

„Wann willst Du denn endlich die Hecken schneiden? Wie sieht das denn aus bei uns. Was sollen denn die Leute sagen.“ Es ist wieder die Jahreszeit, wo ich mir mindestens einmal pro Tag  diese Vorwürfe meiner Mutter anhören darf.

Es ist jedes Jahr das selbe Ritual, ab Ende Mai geht es los. Manchmal auch non-verbal. Wenn sie mitbekommt, dass ich in meiner Redaktion im Fachwerkhaus am Waldesrand sitze, versonnen aus dem Holzsprossenfenster neben meinem Schreibtisch ins Grüne starre, über Geschichten nachdenke – dann läuft die Alt-Bäuerin zur Höchstform auf. Nämlich zunächst von links nach rechts durchs Bild, demonstrativ ächzend quer durch den Hof, stellt sich, gerade noch im 16:9 Bereich,  vor das wildwuchernde Weißdornensemble, stemmt die Hände in die Hüfte und schüttelt intensiv den Kopf von links nach rechts, so weit es noch geht. Mit meiner Kontemplation ist es vorbei, ich denke daran, dass man anderswo händeringend nach Darstellern für „Mitten im Leben“ sucht. Und dass sie dann auch weniger Langeweile hätte, und mich vielleicht wenigstens während der Video-Konferenz oder beim Gespräch mit dem Polizeipräsidenten mit ihren Tiraden vor meinem Fenster verschonen würde.

Wobei sie inhaltlich Recht hat: So eine ungeschnitten wild in alle Richtungen wuchernde Hecke sieht scheiße aus. Das finden nicht nur „die Leute“, das denke ich auch. Mutter hat Recht, die Hecken müssen geschnitten werden. Warum das unbedingt im Juni sein muss, dafür suche ich seit 40 Jahren nach einer Begründung. Über „Weil das schon immer so war!“, und „Weil alle das im Juni machen!“ bin ich mit meinen Forschungen nach dem Sinn dieser alten Bauernweisheit  noch nicht hinausgekommen. Da das Zusammentreffen der Faktoren „Nicht zu heiß / nicht zu nass / kein Sonn- und Feiertag / Zeit“ bei mir schon mehrmals erst in den Juli oder August fiel, weiß ich jedenfalls, dass das den Hecken nichts ausmacht, wann sie geschnitten werden.

Nach dem Bundesnaturschutzgesetz darf man  vom 1. März bis zum 30. September einschließlich keine Hecken schneiden. Das gilt aber nur für den radikalen Rückschnitt bis auf den Stamm. Pflege- und Formschnitt sind ausdrücklich von diesem Verbot ausgenommen. Was immer wieder zu interessanten Gesprächen mit vorbeispazierenden Neubürgern führt. Die kennen den Unterschied zwischen Formschnitt und Rückschnitt zwar nicht. Weil sie aber Grün wählen und ins Grüne gezogen sind, halten sie sich auch für Grün-Experten. Einer dieser Vögel hat mich mal wirklich nachhaltig von der Arbeit abgehalten. Ein Schritt in seine Richtung mit der laufenden Bosch-Heckenschere (550 Watt, 50er-Schwert) beendete die Diskussion dann aber. Dass Pflege- und Formschnitt ausgerechnet im Juni durchzuführen sind, steht in dem Gesetz übrigens  nicht.

In der verbotenen Stadt ist bekanntlich alles anders. Statt von Weißdorn wird mein Freizeit-Domizil dort von ortsüblichen Buchen-Hecken begrenzt. Kein Wunder, dass die da so eine hohe Einbruchs-Quote haben. Das liegt nämlich keineswegs nur an hier überproportial vertretener südosteuropäischer Fachkenntnis auf diesem Gebiet, das liegt auch an den Buchenhecken. Einbrecher kommen nun mal gern durch den Garten. Und so eine Buchenhecke, die hält ja mangels Dornen nix und niemanden ab, da geht man ja so durch.

Geschnitten werden müssen sie aber auch, die Buchen. Deshalb wollte ich mich am Samstag in dieser Disziplin schon mal in Dortmund warmlaufen, bevor es nächste Woche In Burgaltendorf an die „richtigen“ Gehölze geht. Wo man die Arbeit hinterher wenigstens auch sieht, weil Hände und Arme komplett verkratzt sind. Funktionierte aber nicht.

H. hatte nämlöch Vogelnester entdeckt, an mehreren Stellen. 2 x Amsel, 1 x Drossel. Das wundert mich nicht, gefühlt habe ich vor zwei Wochen morgens noch Eis gekratzt. Die Natur ist in diesem Jahr eben etwas später dran. Jetzt könnte ich diesen Vögeln natürlich sagen: „Hömma, macht euch vom Acker, bzw. ausse Hecke, die muss geschnitten werden. Ist schließlich Juni!“ Diese Ansprache würde vermutlich nur auf  beamselte Blicke und gedrosseltes Verständnis stossen. Deshalb werde ich mit dem Schnitt noch warten. Zur Not bis Juli. Den Hecken, ob Buche oder Weißdorn, ist das egal, da bin ich mir sicher.

Meiner Mutter und den Leuten nicht, ist auch klar. Aber vielleicht hilft ja dieses Foto:

Amselbabies

 

 

 

1 Kommentar

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