2013
04.24

Unerhörtes ist geschehen. Gestern, bei Borussia Dortmund. Ich meine nicht den Wechsel des 20jährigen Fußballspielers. Also der, den sein Verein auch durchgezogen hat, als er monatelang an einer Schambeinentzündung litt und kein Mensch wusste, ob er mit der „weichen Leiste“ je wieder dauerhaft beschwerdefrei würde spielen können. Der immer seine „Echte Liebe“ zum BVB betont hat. Dem als 20jährigem 5 Millionen Euro brutto im Jahr aber leider dann doch nicht zum Überleben im bekanntlich teuren Ruhrgebiet reichen, und der deshalb jetzt quasi gezwungen ist, für 7 Millionen netto im Jahr zu Bayern München zu wechseln.

Es geht also nicht um den Vereinswechsel von Mario Götze, oder irgendwie dann doch, es geht um die mediale Aufarbeitung des Themas. Eine zentrale Rolle spielt dabei der mir nicht persönlich bekannte Alex Klein.

Das ist kein Nachwuchsspieler, der aus der U17 oder U19 jetzt statt Götze in den Profikader des BVB hochgezogen wird. Deshalb ist das nicht schlimm, wenn man als geneigter Fußballfan den Namen noch nie gehört hat. Oder vielleicht doch, er ist nämlich beim WDR, möglicherweise beim Radio, dann hat man ihn vielleicht schon mal gehört. Also, seine Stimme vielleicht.

Jedenfalls scheint dieser Alex Klein nicht zum „Dortmunder Kreis“ zu gehören. Den gibt es dort nicht nur bei der Kommunalberichterstattung (Stadt) und für Polizei-Reporter, sondern auch im Sport (BVB). Zu diesem „Dortmunder-Sport- Kreis“ gehören die örtlichen Sportreporter, die der BVB gern einlädt zu seinen Pressekonferenzen. Weil sie schreiben oder senden, was ihnen gesagt wird, und keine Widerworte geben. Zum Beispiel, wenn ihnen drei Tage vor dem Wechsel vorgelogen wird, dass Spieler XY garantiert nicht den Verein verlässt. Bei diesen Presskonferenzen wird ihnen dann auch die jeweils aktuelle Meldung der BILD-Zeitung bestätigt, die sie wieder nicht mitbekommen haben.

Es ist ein ganz besondere Sorte Mäuse, um die es hier geht. Widerwillig haben sie im Volontariat auch andere Ressorts durchlaufen, zum Beispiel den Lokalteil. Und da ja dann doch alles irgendwie Sport ist, wird zu seiner Verabschiedung die Lebensleistung eines leitenden Richters nach 30 Berufsjahren eben auf die Geschichte verkürzt, wie er einmal einen Fußballspieler wegen Geschwindigkeitsüberschreitung verknackt hat. Und am örtlichen Theater gibt es zum Glück ein BVB-Musical, über das man berichten kann. Im Wirtschaftsteil kann man schön über den Aktienkurs des BVB berichten, usw. Irgendwann können sie dann endlich ihr Hobby zum Beruf machen. Am liebsten Fußball, und wenn sie sogar zur Betreuung ihres Lieblingsvereins abgestellt werden, haben sie ihr Lebensziel erreicht. Sie dürfen tagein, tagaus bei „ihrem“ Verein rumlungern, oft richtet ein Spieler oder manchmal gar der Trainer huldvoll das Wort an sie. Sie dürfen mitreisen zu Auswärtsspielen. Sie können Eintrittskarten organisieren und Freunden Autogramme des ganzen Profi-Kaders zum Geburtstag schenken. Und irgendwann, da sind sie sich ganz sicher, bekommen sie auch mal die Exklusiv-Meldung gesteckt. Und nicht BILD. Diesen privilegierten Status will man natürlich auf gar keinen Fall verlieren. Und deshalb sind die Interview-Fragen an Trainer und Spieler auch so devot, wie sie sind.

Das ist, muss ich jetzt aber mal betonen, nicht nur in Dortmund so, das ist auf Schalke und bei allen anderen Bundesliga-Vereinen nicht anders.

Gestern war das Interesse an der obligatorischen PK des BVB vorm Spiel gegen REAL MADRID größer als sonst. Wegen Mario. Da waren dann auch Leute da, die nicht zum engsten Kreis gehören. Wie besagter Alex Klein vom WDR.

Als der Haartransplantierte (Einschub Meinungsäußerung: Ich persönlich bin ja immer skeptisch, wenn Männer so was berlusconisches machen. Wenn selbst ein Uli Hoeness, der seine Geheimratsecken offen zeigt, so viel Kohle in der Schweiz versteckt hat, was hat dann erst ein Kloppo zu verbergen?) ihm vom Podium herab huldvoll das Wort erteilte, hat Alex Klein sich also erst mal vorgestellt. Mit Namen und Sender, wie es sich gehört.

Und dann  hat er es doch wahrhaftig gewagt, eine klare Auskunft vom BVB-Trainer zu fordern. Er möge doch bitte einmal sagen, wie die Mannschaft den überraschenden Wechsel von Mario Götze zu Bayern München aufgenommen hat. „Aber bitte ohne Floskeln wie ’Die Jungs sind Profis genug’“, hat er seiner Frage frech hinzugefügt. Ein Raunen ging durch die Reihen des Dortmunder Kreises. Teils anerkennend: Der traut sich was! Größtenteils spöttisch: So ein Idiot, das kann man doch nicht machen!

 Der Fußball-Pädagoge Klopp hat wie immer souverän, schlagfertig und freundlich reagiert.

Der Kloppo ist nämlich schlau. Der weiß, dass sein Verein ohne die Fernseh-Millionen nix Wert wäre. Und dass der BVB ohne die mediale Verbreitung seines Tuns durch TV, Radio und Zeitungen genau 80.000 zahlende Fans hätte. Nämlich die, die sich ein Spiel mit ihrer Dauerkarte (oder gibt es in DO doch einen freien Verkauf?) im Stadion angucken können. (Ich weiß, dass ins Westfalenstadion 80.645 Menschen passen. Aber ich habe die Pressekarten für Sportreporter und deren Freunde und die Ehrenkarten für die ganzen VIPs mal abgezogen.)Darum ist der „Pöhler“ immer so nett zu den Leuten, die seine grandiosen Erfolge in die Welt heraustragen und damit die Millionengehälter seiner Spieler (und sein eigenes, natürlich…) finanzieren helfen.

Breit grinsend, unter Vorzeigen aller 764 Zähne, hat Kloppo geantwortet: Die Mitspieler hätten sich für Mario gefreut, dass er jetzt noch mehr Kohle abschleppen kann. Und ihn gebeten, bei Guardiola ein gutes Wort für sie einzulegen.

Mal wieder hatte der Super-Kloppo die Lacher auf seiner Seite, und war wahrscheinlich gar nicht weit von der Wahrheit weg.

Tja.

Leider hat Kloppo aber ganz anders reagiert. Vielleicht, weil die ganzen Huldigungen ihn mittlerweile haben abheben lassen. Vielleicht auch, weil er weiß, dass so eine Nachricht kurz vorm wichtigsten Spiel seiner bisherigen Trainer-Karriere (als Spieler hat er, glaube ich, auch noch nie im CL-Halbfinale gestanden) eine Mannschaft total verunsichern und die Euphorie wegblasen kann. Womit die Bayern ihr Ziel erreicht hätten.

Jedenfalls kam ihm der Aufbaugegner in Gestalt des armen WDR-Reporters offensichtlich sehr gelegen.

Zuerst mal eine nur angedeutete rechte Gerade gegen die Brust, eine Finte. Klopp: „Zuerst möchte ich mich bedanken.“ Hä? Wofür? Wahrscheinlich aus dem Medientraining, eine Floskel, mir der man Zeit zum Nachdenken gewinnt. Es folgt ansatzlose eine trockene Gerade gegen das Kinn: „Ich sehe Sie hier zum ersten Mal.“ Will sagen: Du gehörst doch gar nicht zum Dortmunder Kreis, sei froh, dass wir dich überhaupt hier reingelassen haben. Dann der Kinnhaken: “Aber direkt Forderungen zu stellen, was ich zu sagen habe – Hut ab!“ Eine geschickte Drehung. Es ging doch gar nicht um das, WAS Klopp sagen sollte, sondern um das WIE. Das „Hut ab“ ist normalerweise ja eine Anerkennung, hier eine Drohung: Es bezog sich natürlich auf den Klassen-Unterschied – ein Fliegengewicht fordert Mike Tyson heraus. Jetzt hat er ihn sich zurechtgelegt, jetzt kommt der Kinnhaken:  „… und Sie wollen mir Vorschriften machen, wie ich zu antworten habe?“ Hat er gar nicht, hat nur um eine Antwort jenseits des Schattenboxens gebeten. Dann der ultimative Tiefschlag: „Welches Ressort? Tierfilme? Oh, Sport, achso, alles klar.“

Zu deutsch: wenn sich ein Tierfilmer in den für ihn fremden Dschungel der Sportberichterstatter gewagt hätte, ja dann hätte Herr Klopp für diese unbotmäßige Ansprache ja noch Verständnis gehabt. Aber als Sportreporter, da wird wohl nix aus Herrn Klein. Weil er die Basics nicht kennt: Fragen an Gott sind immer nur gesenkten Hauptes zu richten, in devotem Ton mit zahlreichen Vor-Entschuldigungen. Die Spieler hingegen darf man duzen, auch im Interview – selbst der Anschein von journalistischer Distanz (schon mal gehört?) ist im Sport nicht nötig. Journalismus von Fans für Fans halt.

Jedenfalls haben sich die Verbreiter von Gottes Wort sehr amüsiert. Für mich klang ihr hämisch-erleichtertes Lachen wie „Ha, der wird mir den Platz zu Füßen des Throns nicht mehr streitig machen.“

Bleiben wir bei Klopp: Souverän war das nicht. Als Sportsmann sollte er sich eigentlich einen Gegner suchen. Und kein Opfer, das sich in dieser Situation nicht wehren kann. Und der jetzt mit diesem für ihn demütigenden Ausschnitt aus der PK im Internet rauf und runter läuft.

Wahrscheinlich war der Kollege Klein in Zeitdruck, hatte keinen Bock auf das stundenlange Gelabere und die nichtssagenden Floskeln, die dabei herauskommen. Nimmt einem auch (fast) nie jemand krumm, wenn man um kurze, präzise Antworten bittet. Also, natürlich nur außerhalb des Fußballs.

Innerhalb dieser Gesellschaft von Sport-Berichterstattern war Kleins unbotmäßige Frage später, auf dem Trainingsplatz, immer noch ein Thema unter den Kollegen. Ich war gerade erst gekommen, wusste gar nicht, worum es ging, war ja nicht auf der PK gewesen. Habe mir also von den Umstehenden den BVB-Pressesprecher zeigen lassen und meine Absicht bekundet, ihn zu fragen, ob ein Interview mit Mario Götze nach dem Training möglich ist. Habe ich so gelernt: Möglichst die Primär-Quelle befragen. Aber der Götze hat ja nichts verbrochen, ist ja kein Kinderschänder oder so, dann wäre ich natürlich direkt über den Platz auf ihn zugestürmt und hätte ihm das Mikro unter die Nase gehalten. In diesem minderschweren Fall, bei Fragen zu seinem Wechsel, wähle ich natürlich den offiziellen Weg: Anfrage über den Pressesprecher. Normal.

Aber nicht hier. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Wie die aufgejault haben, die Sportis! „Das kannst du doch nicht machen! Bist du wahansinnig! Sag bloss nicht, für welchen Sender Du arbeitest, sonst kriegen Deine Kollegen hier nie mehr ein Interview!“ Und mehr in der Qualität. Sie haben mich, soviel plattes Wortspiel muss erlaubt sein,  für bekloppt erklärt.

Mal abgesehen davon, dass ich nicht im Auftrag eines Senders, sondern für meine Firma telefacts.tv vor Ort war, mich auch nicht hinter einem Sender verstecken muss – was, bitte, ist so schlimm daran, einen Pressesprecher am Spielfeldrand zu fragen, ob einer seiner Spieler später ein Interview gibt? Ich höre? Auch jetzt, 24 Stunden später, fällt mir keine vernünftige Antwort dazu ein.

Abends habe ich eine erfahrene Fachfrau befragt, meine Freundin H., die früher als Kamerafrau oft Fußball gedreht hat. „Du musst das verstehen, Du bist kein Sportreporter. Dir kann das egal sein, aber die Kollegen sind darauf angewiesen, dass der Verein morgen noch mit ihnen spricht!“ Ach so. Wenn man also einen Pressesprecher höflich fragt, ob es möglich ist, einen bestimmten Spieler zu interviewen, kann es also sein, dass von diesem Verein nie wieder jemand mit einem spricht? Oder auch nicht, falls man eine Frage stellt, die denen nicht gefällt? Oder wenn man vielleicht nicht in deren Sinn berichtet? Natürlich fallen mir sofort Beispiele ein, Rudi Völler vs. Waldi Hartmann ist nur der promineteste Fall, bei dem Manager und Trainer Reporter angeschnauzt haben, wenn ihnen die Frage nicht gefiel. Auch Herr Hoeneß will ja die Presse verklagen, weil ihm die Berichterstattung zu seinem Steuer-Skandal nicht passt. Obwohl er der einzige ist, der durch Aufklärung da Substanz reinbringen könnte.

Trotzdem: Mir sind nur wenige Fälle bekannt, wo die Kontaktsperre von Dauer war. Und ich wette, dass sie beim BVB auch mit den Jungs von BILD weiterhin reden, die die Götze-Geschichte zu einem so für sie so ungünstigen Zeitpunkt rausgehauen haben. Über das Verhalten von BILD hat Herr Klopp übrigens keine so deutlichen Worte gefunden wie gegenüber dem Kollegen Alex Klein, jedenfalls nicht in der geschnittenen Version von „Sport Live“ auf youtube.

 

4 comments so far

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  1. Hab mich auch durch den kompletten Artikel gekämpft und find ihn auch, gelinde gesagt, Schrott!
    Für mich hört sich die Frage von Klein in hohem Maße Arrogant an!
    Sollte der Kerl tatsächlich nah genug am Verein dran, interessiert und informiert sein, um so verbindlich zu fragen, dann wäre er dem Klopp wahrscheinlich auch bekannt und würde ernster genommen werden…aber jeder dahergelaufene Möchtegern???

    Ich denke es fällt nicht schwer zu verstehen, dass Klopp in dieser Situation genervt reagiert. Würde ich auch. Aber für Sportjournalisten ist das natürlich nur mit akutem Narzissmus zu erklären…egal welches Ressort;).

  2. Na, so ein Blödsinn hab ich schon lange nicht mehr gelesen. Die PK ist völlig o.k. gelaufen.Wenn Sie damit ein Problem habern, einfach für sich behalten, der Beitrag von Ihnen ist sowas von uninteressant.

  3. Der Blog ist echt niedlich. Was willst Du uns eigentlich mitteilen, ausser dass Du vor Neid fast platzt? Ansonsten siehe Vorredner Christian.

  4. In deinem Blog ist kaum an Polemik und Unsachlichkeit zu übertreffen, dass ich mich schäme ihn gelesen zu haben, da spricht wiedermal nur ein weiterer kleiner Wutbürger. Wir werden auch ohne euch Sportreporter weiterhin Fussball sehen wollen, die Fragen die ihr stellt könntet ihr euch zu 90% sparen genauso wie eben jene von Alex Klein, wer nicht begreift dass dies bei Klopp als reine Provokation ankam der hat zu Recht nichts bei so einer Pressekonferenz verloren. Und wer schreibt, dass Götze wegen 2 Mio mehr gewechselt ist dem fehlt es sowieso an Sachlichkeit, besser du schaust dir noch mal dein eigenes Video an, dann wirst du nämlich feststellen er hat die Frage beantwortet.

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