2013
01.27

Heute Abend wird man sie wieder vor dem Kino sehen: Junge Männer in Jeans, mit dicken Pullovern, Jacken, Schals, die Kleidung bis auf die ewigen Sneakers dem Wetter angemessen. Daneben junge Frauen , die auf High Heels durch den Schnee stöckeln, in Röcken, die direkt unterm Po enden. Statt Schals tragen sie Ausschnitte bis zum Nabel, die Jacke über der Bluse ist halb offen, damit man das auch sieht. So zittern sie sich bis vor die Kasse.

H. kann mir nicht sagen, warum diese Damen sich nicht dem Wetter adäquat kleiden. H. erklärt mir, die hätten sich nur schick gemacht. Das sei keinesfalls sexuell aufreizend gemeint. Selbst wenn das auf einen Mann so wirken sollte, müsse der sich im Griff haben. Wir seien schließlich nicht im Urwald und Männer keine Primaten, die nicht in der Lage seien, den einfachsten Reizen zu widerstehen.

Schon klar. Trotzdem will mir nicht in den Kopf, dass man sich bei dieser nassen Kälte nicht auch schick und trotzdem so kleiden kann, dass die Kosten für die Krankenversicherungen nicht zwangsläufig steigen, weil zum Beispiel Blasenerkältungen unausweichlich sind.

H. ist da zum Glück anders. Sie zieht sich immer warm genug an. Und, wenn sie frei hat, auch bis zu sieben Mal am Tag um. Damit die Sachen farblich passen und der jeweiligen Situation angemessen sind. Natürlich nur für sich. Aber jedes Mal soll ich das bemerken. Und kommentieren. Und wenn das dann Sprüche sind, die jenseits von Ausfüllbarkeiten bestimmter Kleiderarten changieren, nimmt sie mir das auch nicht krumm, sondern fühlt sich geschmeichelt. Allerdings ist H. auch hart im Nehmen. Sie hat früher als fast einzige Kamerafrau Fußball gedreht, sich von Spielern und Managern so einiges anhören müssen. Aber niemals habe sie ihre weiblichen Reize eingesetzt, um irgendetwas zu erreichen. Allerdings hätten ihr die Reporter-Kollegen mehr als einmal gesagt: Komisch, wenn du als Kamerafrau dabei bist, bleiben die Spieler und Trainer zum Interview stehen, die sonst immer weiter gehen. Und Anmach-Sprüche beim Bier, da sei der Brüderle doch harmlos, was sie sich da alles anhören musste, als sie noch im Orpheum gekellnert hat. Am besten frech kontern und keine Hoffnung machen, das würde eigentlich jeder akzeptieren.

Wir müssen unsere Diskussion unterbrechen, H.s Freundin B. ruft an. Ihr Chef hat sie zum Essen eingeladen. Nein, nur sie, ein Dinner zu zweit. B. weiß jetzt nicht, wie sie reagieren soll. Die Kolleginnen reden schon, weil sie gemerkt hätten, dass der Boss die Neue gut findet. Wenn sie jetzt mit ihm ausgeht, wird das Gerede noch schlimmer. Von wegen berufliche Vorteile erschleichen und so. Und wenn der dann nach dem Essen noch was von ihr will, und sie ihn abweist… Wenn sie aber absagt, stößt sie ihren Chef womöglich auch vor den Kopf. Und sie ist doch noch in der Probezeit. Die Mädels bereden, wie B. aus dieser Nummer herauskommt. Findet Single-Frau B. den Chef wenigstens halbwegs attraktiv? Und würde er sie nur ins Bett locken wollen, oder auch heiraten und die Hälfte der Firma überschreiben? Diese Fakten müssen alle noch eruiert werden. Nur wenn zumindest die letzten beiden Fragen mit „JA“ beantwortet werden können, sollte man mit ihm essen gehen. Mir fällt fast die Kinnlade runter, ich habe „Sex and the City“ immer für eine Satire gehalten.

Halbe Stunde später, Harald Schmidt ist Co-Kommentator des Spieles Stuttgart-Bayern. Er erzählt, seine Winterpause sei Dienstag vorbei. Dann  ginge seine Show wieder los, die sehr gut aussehende Nora Tschirner sei zu Gast. Im Show-Geschäft dürfe man das ja noch sagen, „sehr gut aussehend“, anders als in der Politik. Schmidt könne sich vorstellen, dass auch etwas über Rainer Brüderle kommt. Über Fußball nicht, da gebe es ja keinen Sexismus. Habe er jedenfalls noch nie gehört.

H. will, dass Stuttgart gewinnt, ich auch, ab dem 0:1 setzen wir dabei unsere Diskussion fort. Sind wieder bei den aufreizend gekleideten jungen Frauen vor dem Kino. H. erklärt mir, das sei wie in der Tierwelt, das Weibchen wolle durch buntes Gefieder auffallen. Aber das würde ja noch lange nicht heißen: Hey, jeder, der vorbei kommt, kann mich vögeln. Nicht jeder, denke ich, im Tierreich wollen die Hennen nur den Hahn mit den besten Genen. Brunftverhalten.

Apropos Sprüche: Wie würde sie denn auf so einen Dirndl-Spruch reagieren? Das komme darauf an, wie so oft im Leben, meint H. Erstmal dürfte so etwas niemand sagen, von dem man beruflich, finanziell oder sonst wie abhängig wäre. Also: Wenn das ein gleichaltriger Freund auf einer Party sagte, würde sie sich wahrscheinlich geschmeichelt fühlen. Bei George Clooney auch, vermute ich. Aber wenn das so ein schmieriger alter Sack zu einem jungen Mädchen sagen würde, das wäre eklig. Oder der gegelte Mario Gomez, der sich beim Stand von 0:2 in der 86. Minute gerade warmläuft. Sean Connery wiederum sei was anderes, der sei ja nicht schmierig, entgegnet sie mir.

Ich versuche das zu verstehen und denke an Franz und Michelle, Gerhard und Doris, Helmut und Maike, Sahra und Oskar. Wie war das noch: Wenn er sie heiratet und ihr die Hälfte der Firma überschreibt…

Eine Frage des Alters des Mannes scheint es also nicht allein zu sein. Eher, ob Frau den mit der Bemerkung nett findet oder nicht. Warum auch immer, scheinbar reicht Potenz manchmal auch in finanzieller Hinsicht. Frau allein bestimmt jedenfalls, ob sie den Spruch  als Kompliment oder sexistische Anmache empfindet.

Schwierig ist das nur, denke ich, wenn man sich noch nicht lange kennt und die Dame bisher immer an den Lippen des Herrn hing.  Aus seiner Sicht, weil er dachte, sie findet ihn sympathisch. Und er sich also traut, eine persönlichere Bemerkung zu machen. Aus ihrer Sicht war sie nur nett zu ihm, weil sie etwas von ihm wollte, Informationen, Gehaltserhöhung oder sonst was. Deshalb hat sie seine Bemerkung als sexistisch bewertet. Ihm das aber nicht zu verstehen gegeben, wenigstens nicht sofort. Auch die Dame vom stern hat sich ja nicht über Herrn Brüderle beschwert, als er sich für sie doppeldeutig ausgedrückt hat. Sondern mehr als ein Jahr später, als es passte.

Zusammenfassend habe ich gelernt: Mit nabeltiefen Dekolletés und gürtelbreiten Röcken wollen Frauen nicht Männer anmachen. Die wollen sich nur schick kleiden. Nicht für andere, für sich. Werde ich H. dran erinnern, wenn sie abends allein im Jogging vor der Glotze sitzt. Der identische Spruch kann als Kompliment, netter Flirt oder schmierige Anmache gedeutet werden. Hängt von der Attraktivität des Mannes ab. Und wie wichtig der für die jeweilige Frau ist. Jetzt habe ich auch die Causa Brüderle etwas besser verstanden, glaube ich.

H. sieht das anders. Sie meint, ich hätte überhaupt nichts verstanden, und ausserdem habe sie sich heute  nur zweimal umgezogen. Mit Rainer Brüderle habe das alles nichts zu tun. Sie hat diesen Text deshalb nur knurrend durch die Zensur gelassen.

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