2012
08.14

Journalist, Freizeitpolitiker, Betroffener, alles auf einmal – eine schwierige Konstellation für die Berichterstattung über ein lokales Problem.

Es geht um eine von Anwohnern zur Verkehrsberuhigung gewünschte Straßensperrung. Der Artikel erschien heute gleichzeitig in den Lokalteilen einer großen Ruhrgebietsstadt von Ruhr Nachrichten (RN) und Westfälische Rundschau (WR). Der Text, in beiden Zeitungen fast gleichlautend: Als erstes und am ausführlichsten zitiert wird der Sprecher der örtlichen Grünen. Oliver K. erklärt, eine Straße sei zur Erschließung der Universität ausgebaut worden, um zwei andere Straßen zu entlasten. Von einer Entlastung sei aber nichts zu spüren. Deshalb müssten die beiden Straßen zu Sackgassen gemacht werden, damit die Studenten nur noch die eigens dafür ausgebaute Straße benutzen und die Anwohner hier vom Durchgangsverkehr entlastet würden. Seltsamerweise sperrten sich CDU und SPD in der Bezirksvertretung gegen diese Sperrung.

Warum die beiden Parteien sich ausnahmsweise einig sind, sagt er nicht: Sie meinen, die Last der Erschließung der Uni dürfe nicht nur die Anwohner einer einzigen Straße geballt treffen. Es sei eine Frage der Solidarität (SPD) und  des Bürgersinns (CDU), dass sich die Belastung durch den Uni-Verkehr auf mehrere Straßen verteilt.  

„Auch aus Gründen der Naherholung und des Naturschutzes ist die Sperrung sinnvoll“, wird der Sprecher des NABU zitiert. Das soll ihm mal einer widerlegen. „Wir sorgen uns um die Sicherheit unserer Kinder“, bringt eine Mutter, die gegenüber vom anliegenden Kindergarten wohnt, ein weiteres Totschlagsargument.

Wer die Verhältnisse nicht kennt, kann als Leser nur denken: Recht haben die Leute!

 Wir sehen: Ein fast identisches Foto in RN und WR. Auf dem Bild 12 Erwachsene und sieben Kids im Kindergarten-Alter. Sie stehen quer auf einer Straße, haben ein Absperrband gespannt.

Wer ist denn alles auf dem Foto? Ganz links der Sprecher des NABU. Ihn habe ich als einen der wirklich Aufrechten kennengelernt, der wirklich immer mit dem Fahrrad zu seinem Job an der Uni strampelt. Aber die Straße soll ja auch nur für Autos gesperrt werden…

Den im Text zitierten Sprecher der örtlichen Grünen, beruflich  freier Journalist für die WR, kann ich ebenfalls identifizieren. Und dessen Eltern, mit denen zusammen er in deren Haus an der einen der beiden vom Verkehr zu beruhigenden  Straße wohnt. Sie sind auch auf dem Foto. Aha. Sind schon mal vier der zwölf Erwachsenen.

Die in dem Artikel namentlich zitierte Familien-Mutter kenne ich nicht, ich muss sie googeln, um zu erfahren, dass sie an der anderen der beiden zu sperrenden Straßen (in denen schon seit Jahren Tempo 30 gilt) nicht nur wohnt, sondern auch ein Büro für PR und Öffentlichkeitsarbeit betreibt.  Ein älterer Herr steht hinter der Gruppe, wahrscheinlich der Fahrer des Mercedes im Hintergrund, der wegen der für die PR-aktion gesperrten Straße nicht durchkommt und wissen will, was hier los ist.  

Die sieben ungefähr gleichaltrigen Kinder und ihre sieben Mütter, die restlichen Personen auf dem Bild, wohnen dort wohl nicht, denke ich. Sie kommen wahrscheinlich mit dem SUV aus dem anliegenden Kindergarten. Wenn so viele beinahe gleichaltrige Kinder in diesen beiden kurzen Sträßchen wohnten, brauchte Deutschland sich keine Sorgen mehr um die demographische Entwicklung der Bevölkerung zu machen.

Aber konzentrieren wir uns mal auf den 25jährigen Oliver K. Sollte ein Journalist nicht über ein Problem berichten dürfen, nur weil er selbst betroffen ist? Die Gefahr ist natürlich groß, nicht neutral zu berichten. Deshalb sollte man das offensiv verkaufen, gegenüber dem Leser/Hörer/Zuschauer nicht verschleiern, dass es um die eigenen Interessen als Anwohner geht. Über dem Artikel in der WR steht übrigens ausnahmsweise keine Autorenzeile. Aber „in dubio pro reo“, vielleicht hat er ja berichten lassen.

Allerdings: Nicht als Betroffener, nicht als Journalist, der den Beitrag womöglich selbst verfasst hat, aufzutreten, sondern sich als örtlichen Sprecher der Grünen selbst zu zitieren oder zitieren zu lassen, das hat schon was. Mit der Überhöhung des Problems auf die Umweltebene lenkt man vom reinen Anwohner-Egoismus ab, und sammelt zusätzlich noch Punkte im Wahlkampf: Dieser Mann von den Grünen, der sich so selbstlos für seine Mitbürger einsetzt, den kann man wählen. In dem Ort, in dem diese Provinzposse spielt, ist nämlich gerade Wahlkampf.

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