2011
06.20

Im Zimmer rechts neben der Haustür, es mag mal als Büro gedient haben, hängt die Verleihungsurkunde des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse an der Wand, neben zahlreichen Auszeichnungen der Partei und der Gewerkschaft. Das Haus war bis vor kurzem bewohnt, alles ist unverändert. Wir betreten ein fremdes Leben.

Auf der linken Seite des Flures eine lange, schmale Gästetoilette, daneben ein weiteres Badezimmer. Die Räume sind in rose bzw. blassgrün gekachelt, wie es damals in den 60ern üblich war. Vom Flur, grün-braune Spaltplatten, geht es drei Stufen hinab zum Wohnbereich. Das für heutige Verhältnisse winzige Wohnzimmer schmückt die Zigeunerin an der Wand und die Stehlampe, den Couchtisch kann man zum Kaffetrinken mit einer Kurbel höher drehen. Zur Küche gibt es eine Durchreiche. Auch die Sitzgruppe mit Schondecke und die Teppiche sind noch original konservierte 60er Jahre. In den Regalen im Arbeitszimmer stehen hunderte Bücher, viele mit Widmungen einstmals bedeutender Menschen. Der gesamte Einrichtungsstil  wirkt solide und zweckmäßig. Und ist  trotz des Alters gut in Schuss.  Das Haus ist blitzblank bis in die letzte Ecke, es gibt keine Macken an den Möbeln, nichts ist verschossen oder abgeschabt. Hier haben Menschen gewohnt, die in Nachhaltigkeit investiert haben, nicht in Protz. Selbstbewusst, schnörkellos und geradeaus. Ruhrgebiet eben.

Es ist das Haus von Hans F., geboren 1921 in Dortmund-Barop, nur wenige Gehminuten von dem Haus entfernt, das wir gerade besichtigen. Dort wurde er getauft, eingeschult, konfirmiert. Der Hausherr ist Handwerker, man merkt es gleich, an den nicht serienmässigen kleinen Veränderungen und Verbesserungen am Haus, deren Sinn sich für einen Fremden nicht immer sofort erschließen, aber dann auf den zweiten Blick: Wenn man die auf der Rückseite des Hauses sieben Meter hohe Dachrinne reinigen will, zum Beispiel, und sich an die ellenlange Teleskopstange im Heizölkeller erinnert, mit der angeschweissten Reinigungsapparatur. Oder erkennt, dass das vermeintliche Rostloch im Fallrohr der Dachrinne zum Abgreifen des Regenwassers für die Gartenbewässerung dient. Vom handwerklichen Interesse des Hausbesitzers  zeugt auch der  bestens ausgestattete Werkraum im Keller. Die hohe Zahl der Werkzeuge zur Eisenbearbeitung fällt besonders auf: Nach der Volksschule hat Hans F. Schlosser gelernt. Bei Ohrenstein & Koppel in Dorstfeld, auch nicht weit weg von Barop.

In der Waschküche neben der Werkstatt steht ein alter Kohlenherd. Hierauf  hat der Hausherr seine in der Nachbarschaft beliebte Gurkensuppe (wie man hört, auch wegen des Schnäppschens, das es dazu gab) gekocht, hierin seine Eisen geschmiedet, erfahren wir von dem Nachbarn, der uns das Haus zeigt. Beides, die Gurkensuppe und das Eisenschmieden, haben mit dem mächtigen Gewächshaus im Garten zu tun, dass der Hausherr selbst zusammengeschweißt hat und in dem er  sein Gemüse zog. Es ist sechs Meter breit, beherrscht und teilt das abfallende Grundstück. Und verstellt den Blick auf die hintere Gartenhälfte, Rasen im Halbschatten der mittlerweile mächtigen Bäume des angrenzenden Parks. 1964, als die Häuserzeile erbaut wurde, ging der Blick von hier aus sicherlich noch über Barop bis Hombruch.

Damals, als er das Reihenhaus erwarb (dessen einziger Nachteil für ihn wohl war, knapp im benachbarten Eichlinghofen zu stehen), war Hans F. nach sieben Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft und den ersten Nachkriegsjahren in seinem Lehrbetrieb bereits Betriebsratsvorsitzender bei den Baroper Röhrenwerken, später beim damals bedeutenden Stahlkonzern Hoesch. Gut vorstellbar, wie der Arbeiterführer und Sozialdemokrat hier, im bürgerlichen Wohnzimmer  seines unscheinbaren Hauses, mit den Mächtigen verhandelte, zwar um Konsens bemüht, aber immer zum Wohle seiner Leute. Natürlich ging es nicht immer nur um Politik, „der Hans“ half den Kollegen auch bei kleinen Alltagsnöten. Leben und leben lassen, damals ging das noch, bei uns im Revier.  Ein gefragter Ratgeber war er noch über seine Pensionierung im Jahre 1980 hinaus.

Im Jahr 2009, nach dem Tod seiner Frau, musste Hans F. sein Haus aufgeben. Spätfolgen seiner Kriegsverletzungen, Operationen an den Knien machten die vielen Treppen in dem Split-Level-Haus zu unüberbrückbaren Hindernissen. Er hat es uns damals verkauft, obwohl ein anderer Interessent mehr Geld geboten hat, haben wir später erfahren. Weil er gemerkt hat, dass wir seine Gartenleidenschaft teilen, der andere Bewerber das Haus eher als Investment sah. Um das selbstgebaute Windrad, auf das die ganze Nachbarschaft scharf war, mussten wir noch sehr kämpfen.

Hans F. lebt seitdem im Fritz-Heuner-Heim, natürlich in Barop, keine fünf Minuten entfernt. Im Kopf ist er klar, blickt mit wachem Geist in die Welt:  „Heute wäre ich nicht mehr gern Betriebsratsvorsitzender.“, zitiert ihn die Lokalzeitung, „Bei den Arbeitern fehlt der Einsatz, bei den Chefs die soziale Einstellung.“ Sein größtes Ziel sei es, aus dem Rollstuhl heraus zu kommen und wieder laufen zu lernen, hat Hans F.  auch noch gesagt, im Interview zu seinem heutigen 90. Geburtstag. Wir wünschen ihm alles Gute und: Herzlichen Glückwunsch!

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