2011
05.26

Der Mensch an sich ist ja bequem. Und wir sind hier im Ruhrgebiet  nicht in Münster, in Kleve oder in China. Sondern, zumindest im südlichen Teil des Reviers, in einer recht hügeligen Landschaft.  Trotz der zu Lasten der Autospuren extrem großzügig ausgebauter Radwege begegnen Fahrräder einem hier meist auf dem Autodach. Für Radtouren fährt man so ins Münsterland, an den Niederrhein oder runter ins Ruhrtal. Trotzdem hat der Regionalverband Ruhr (RVR) sich in seiner Verzweiflung über die Verkehrssituation (die A 40 hat demnächst nach jahrelangem Ausbau endlich die Kapazität für das Verkehrsaufkommen von 1998 erreicht) mal wieder etwas ausgedacht: Eine Fahrrad-Autobahn von Duisburg bis Dortmund. Hatten wir schon mal, während der Ölkrise 1973 und 2010 als Stilleben A40. Das meinen die aber nicht.

Der ‚Radschnellweg Ruhr’, kurz RSR, soll möglichst parallel zur A 40 verlaufen und möglichst von Millionen Radfahrern täglich genutzt werden, die dann mit ihren Autos nicht mehr den Ruhrschleichweg verstopfen. In Zeiten von Elektro-Fahrrädern und Pedelecs sei das doch kein Problem mehr, so täglich Distanzen von bis zu 20 Kilometern per Rad zurückzulegen, meint der RVR. Dieser RSR soll fünf Meter breit sein, asphaltiert, und abends mit Beleuchtung. Und steigungsarm natürlich. Von Duisburg bis Essen soll der Weg über die Trasse der ehemaligen Rheinischen Bahn verlaufen. Von Essen über Bochum bis Dortmund wird es schwieriger, weil hügeliger. Ich fahre die Strecke, 28 Kilometer, ja täglich, mit dem Auto, und sehe mich schon mit dem Bike, Kameraausrüstung auf dem Gepäckträger, Mikro zwischen den Zähnen, den steilen Berg von Burgaltendorf zur Ruhr runtersausen und hinter der Schwimmbrücke nach Bochum hochasten. Oder umgekehrt. Nicht jetzt im Mai, im Winter.

Alternativ könnte ich aber auch einen Umweg von insgesamt etwa 8 Kilometern in Kauf nehmen, um erst mal bergauf, bergab, in Kray oder Wattenscheid zur steigungsarmen Radautobahn an der A 40 zu kommen, und dann in Dortmund von dort, bergauf, bergab, wieder zum Ziel durch die Stadt zu strampeln. Wenn mir das zu anstrengend ist, kann ich mir ja ein Elektrofahrrad kaufen, das ich mit Atomstrom aus Frankreich oder Holland auflade.  Herzlichen Glückwunsch.

Für den Ausbau der Fahrradautobahn RSR, schätzt der RVR, müsste ein „hoher zweistelliger Millionenbetrag“, das bedeutet erfahrungsgemäß am Ende einen dreistelligen Millionenbetrag, gestemmt werden. Von wem den bitte? Schon deshalb ist das Ganze natürlich völlig unrealistisch.

Wobei, ich hätte mich gefreut. Wenn dieser RSR mal fertig wäre, nach Verhandlung aller Anwohner-Klagen wegen der zu erwartenden lauten Fahrrad-Klingeln, also ungefähr 2020, und man noch mal fünf Jahre wartet, um dann festzustellen, dass da pro Tag höchsten hundert Leute herradeln – der Mensch ist ja bekanntlich bequem, und warum steigen die Chinesen jetzt wohl alle aufs Auto um? –  hätte man dann schön von der fünf Meter breiten Fahrradautobahn drei Meter  als zusätzliche Autofahrspur für die A 40 abtrennen können. Dann könnte der Ruhrschleichweg 2025 endlich das Verkehrsaufkommen von heute bewältigen.

Der RVR lässt  jetzt erstmal eine – richtig, eine neue Verkehrs-Studie anfertigen. Dieses Mal darf sich der Bereichsleiter für Mobilitätsplanung der Stadt Dortmund, Winfried Sagolla,  damit beschäftigen. Von dem Herrn hatte ich noch nie gehört, aber man kann ja nicht jeden Verkehrsexperten im Ruhrgebiet kennen. Davon gibt es hier ja gefühlt mehr als potentielle Bundestrainer. Der Ingenieur ist, was man im Netz so liest, ein großer Fahrradexperte und kämpft schon länger für eine Fahrrad-B1 durch Dortmund. Da ist die Stadt auf einem guten Weg ohne zusätzliche Kosten. Tempo 50  im Stadtgebiet auf der B1, Nachtfahrverbot für LKW auf der B1, demnächst Tagfahrverbot für LKW auf der B1, und irgendwann hat man sie ganz autofrei für die Radfahrer. Herr Sagolla ist letztes Jahr ausgezeichnet worden, lese ich, weil er das Projekt „Metropolradruhr“ angeleiert hat. Da kann man sich an verschiedenen Stellen im Revier Fahrräder leihen, für 1 Euro die Stunde. Im Jahr 2010 wurden die Räder in Dortmund (knapp 600.000 Einwohner) rund 1.800 Mal ausgeliehen. Also ungefähr fünf Mal pro Tag. Soviel zum Fahrrad als Verkehrsmittel im Ruhrgebiet. Aber nicht nur das Gelände, auch die Leihfahrrad-Tendenz ist stark steigend, heißt es. Na dann.

2 comments so far

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  1. Lieber Micha, erstmal Danke für den ausführlichen Kommentar. Den ich natürlich nicht teilen kann.
    Zum Erwirtschaften des Bruttosozialproduktes müssen leider Menschen und Material transportiert werden. Kann ja nicht jeder Lehrer oder Beamter sein.
    In den Niederlanden fahre ich auch gern Fahrrad, da ist es nämlich flach. Zwischen Essen und Dortmund aber nicht. Platzverschwendung für Autobahnen: Die sind aber nun einmal da. Rückbau für Fahrradspuren führen zu noch mehr Staus und damit Umweltbelastung. Es sei denn, man schreibt das Radfahren vor. Zurück zum Steinzeitkommunismus? Zum Faktor Zeit: Für die bei kürzester Strecke 28 Kilometer zwischen Essen und Dortmund brauche ich mit dem Auto mindestens 40 Minuten. Ob ich das bei den enormen Steigungen überhaupt mit dem Rad schaffe, ist bei meiner Kondition zweifelhaft. Selbst wenn, wohl kaum in 70 Minuten und auf jeden Fall völlig verschwitzt. Und: Mehr als eine Stunde Fahrt pro Tag reicht mir, muss ich nicht pro Strecke haben. Dass man mit dem Rad in der Stadt gleichschnell ist, ist in der Tat ein Skandal. Liegt auch an den wenig intelligenten Ampelschaltungen. Zum Neid: Genau. Es ist der Neid, wenn sie über Bürgersteige und über Fußgängerampeln an einem vorbeifahren. Gern auch gegen die Einbahnstraße. Oder zu dritt nebeneinander mitten auf der Fahrbahn trotz Fahrradweg den Verkehr aufhalten. Mit Helm, aber ohne Rücksicht auf Verluste. Man ist ja ein heiliger Radfahrer. Zu den Zahlen: Allein die Einnahmen aus der Energiesteuer (Mineralölsteuer) betragen rund 50 Milliarden, da sind die Kosten für den Straßenbau nur ein Bruchteil von. Zum Bauern: Genau. Ich fresse auch keine spanischen Gurken.

  2. Nicht jeder Autofahrer fährt ein halbes Filmstudio spazieren.

    Die meisten Pendler haben höchstens eine Tasche mit, die auch bestens in einen Fahrradkorb passt oder durch Gepäckträgertaschen ersetzt werden kann. Wie das aussehen kann, sieht man auf den niederländischen Radschnellwegen, die speziell für Pendler auf Strecken bis etwa 20 km gebaut und rege genutzt werden.

    Ein 5 Meter breiter Radweg wäre ausreichend für eine problemlose Begegnung von je 2 Radfahrern in jeder Richtung. Er ist also „vierspurig“, wenn man so will. Die ebenfalls vierspurige A40 ist mit Mittelstreifen und Standspuren rund fünfmal so breit, die ungeheure Platzverschwendung bei gleichzeitig sogar noch geringerer Kapazität im Bereich der Autostraßen ist doch also offensichtlich.

    Durch die Staus auf der Autobahn und die zahlreichen Ampeln im Stadtverkehr ist die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von ca. 20 km/h auf einem Radschnellweg auch durchaus konkurrenzfähig im Vergleich zum Auto.

    Bereits heute, ohne besonders nennenswerte Vorkehrungen für Radfahrer (und mit vielen, die ein fach nur eine Schande sind), ist man mit dem Rad auf längeren Strecken halb und in der Innenstadt sogar genauso schnell, wie mit dem Auto. Und das, obwohl man zwei- bis dreimal langsamer fährt. Wie wird das erst mit einem kreuzungsfreien Radschnellweg aussehen? In den Spitzenstunden höchstwahrscheinlich mit einem klaren Vorteil für die Radfahrer.

    Die vermeintlich teure Investition hat also ihren Sinn. Und wo wir schon bei Zahlen sind: Wenn man deutschlandweit 16 Mrd. Euro für den Straßenbau ausgibt, also rund 200 Euro pro Einwohner – ohne dass es irgendwelche nachhaltig-positiven Verbesserungseffekte hätte, dann kann man auch mit rund 20 Euro pro Einwohner des Ruhrgebiets einen Weg finanzieren, der sehr wohl einen nachhaltig-positiven Effekt hätte, auch wenn sich das manche nicht vorstellen können.

    „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“, sagt ein altes Sprichwort. Hier trifft es mal wieder voll ins Schwarze. 🙂
    Vielleicht ist es aber auch nur der Neid, der den im Stau stehenden Autofahrer aus den Augen spricht, wenn man fröhlich mit dem Rad an ihnen vorbeifährt.

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