2011
05.06

Donnerstag, der Tag danach. 08:30 Uhr Redaktion, erst mal Kaffee aufsetzen. Telefonat mit der Versicherung. Der Chef ist noch im Urlaub, sie wollen keine neue Duschtasse bezahlen, ich soll die alte einbauen. Die ist aber doch beim Ausbau kaputt gegangen. Dann haben wir das unfachmännisch gemacht. Aber insgesamt doch auch immer noch viel billiger als die sogenannte Fachfirma, bla, bla, bla. Ich habe Schwierigkeiten mit der Konzentration, vom Schreibtisch aus gucke ich nämlich auf die Kaffeemaschine. Das Wasser läuft nicht durch den Filter in die Kanne. Es fließt unten raus, tropft den Schrank runter auf den Boden. Soll ich mich über solche Kleinigkeiten aufregen?  Telefonate mit Marcel, er besorgt die Duschtasse, das Montagematerial, die Rohre. Niko fährt los, eine neue Kaffeemaschine kaufen. Dazu das Theater mit dem Finanzamt. Nachmittags haben sie es endlich verstanden, die Kontopfändung ist aufgehoben, der Kaffee läuft. Sendung besonders aufmerksam gucken, morgen Kritik.

Gegen 20 Uhr schaue ich in der Wohnung vorbei. Marcel ist nahezu fertig, die Duschtasse eingebaut. Der Mörtel muss zwei Tage trocknen, dann kann man beiputzen, neu fliesen und silikonieren. Solange kann man hier nicht duschen. Mit Händen und Füßen erkläre ich das meinen Mietern, sie sind völlig fertig. Die warme Brause nach zwölf Stunden schweißtreibender Arbeit scheint den Bulgaren sehr wichtig zu sein. Kann ich verstehen.

Was soll ich tun? Als Vermieter bin ich für eine funktionierende Wohnung verantwortlich. Aber bin ich überhaupt deren Vermieter, ist der Vertrag überhaupt zustande gekommen, wenn  die andere Seite immer noch nichts bezahlt hat? Sollen sie doch die offene Miete kürzen, haha. Andererseits: Was können die armen Männer dazu, wenn ihr Chef nicht zahlt? Also schnappe ich mir einen, es ist Sergey, zeige ihm das Badezimmer der unteren Wohnung.

Kein Strom, Sergey tippt sich gegen die Stirn, hebt grinsend den Zeigefinger, flitzt zum Zählerkasten, schaltet die Sicherungen  ein, Daumen hoch, das Licht brennt. Mit einem winzigen Aufnehmerchen wische ich das ekeldreckige Wasser auf, Marcel und Sergey räumen den Schutt vom Loch in der  Zwischendecke weg. Ich gebe Sergey den Schlüssel für die Wohnung. Als wir rauskommen, kommen seine vier Kumpel schon mit Kulturtasche und Handtuch im Gänsemarsch die Treppe runter. Wahrscheinlich verstehen sie mehr, als ich denke, auch ohne Worte.

Marcel und ich verabschieden uns vor der Haustür, ich schlendere zum Ende der Sackgasse, wo mein Auto steht. Es ist fast 21 Uhr, noch schön warm, aber bis ich zu Hause bin, ist es dunkel – wird wohl wieder nix mit dem Grillen.

Ich wende, fahre los, am Haus vorbei. Und überfahre fast einen nackten Mann mit Handtuch um die Lende, der wild gestikulierend vor meinem Wagen auf der Straße rumspringt. Indianischer Fruchtbarkeitstanz, oder was? Er kommt auf mich zu, schreit, immer wieder die selben Worte: „Kaputt, kaputt!“ Ich kenne den Mann. Es ist einer „meiner“ Bulgaren.

Also parke ich wieder ein, steige aus und folge ihm in die Wohnung. Seine Kollegen stehen vor der Wanne, zeigen auf die Gasheizung, drehen das Wasser auf, ziehen meine Hand darunter. Kalt. Verdammt. Gestern hat die Flamme im Brenner doch noch gebrannt. Ich drücke und drehe Knöpfe, nix passiert. Ich rufe Marcel an, bitte ihn, zurück zu kommen. Und überlege. Das kann doch nicht sein!  Offensichtlich kein Strom zum Zünden der Flamme. Vielleicht ist eine Sicherung rausgeflogen? Ich sehe nach. Eine? Die Hälfte der Sicherungen sind runter. Sergey sieht mir neugierig über die Schulter, schlägt sich gegen die Stirn. Er hat offensichtlich nur so viele Sicherungen hochgeklippt, bis das Licht brannte. Kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass eine Wohnung nicht nur zehn-, sondern zwanzigfach abgesichert ist. Hat er wieder was gelernt über Deutschland. Das Wasser wird schnell warm, die Bulgaren sind glücklich.

Auf der Straße verabschiede ich den gerade wieder eintreffenden Marcel zum zweiten Mal, fahre endlich heim. Heute ist es 21:30 Uhr, als ich dort ankomme. Butterbrote statt Steaks. Morgen kommt H. zurück.

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