2014
04.27

Vor einigen Tagen, am Welttag des Buches, haben wir einen Verlag überfallen. Mit laufender Kamera. Nicht irgendeinen Verlag, den Grafit Verlag in Dortmund, bei dem mein erster Kriminalroman erschienen ist. Oder erschienen sein sollte. Oder vielleicht erscheint. Oder so. Wir haben interessante Neuigkeiten erfahren, seht selbst.

 

2014
04.05

Momentan wird ja viel über die doppelte Staatsbürgerschaft diskutiert. Für wen, unter welchen Bedungungen, und ob das nicht zu kompliziert ist. Ich finde, das geht ganz einfach. Hier eine wahre Geschichte:

Beim Bürgeramt Essen.

TS:“Guten Tag, ich möchte mich ummelden.“

Beamter: Guckt kurz auf, nickt, tippt weiter an seinem Computer. Fragt nach der neuen Adresse, druckt Formular aus. Geht an anderes Ende des Raumes, holt Formular. Legt es mir vor.

Beamter: „Unten unterschreiben.“

Ich lese das Blatt durch.

TS: „Hier steht bei Staatsangehörigkeit: Deutsch /Griechisch.“

Beamter: „Ja, und?“

„Ich bin kein Grieche.“

„Steht da aber.“

„Hören Sie, meine Noch-Ehefrau ist Griechin, meine Kinder haben beide Staatsangehörigkeiten, aber ich bin nur Deutscher und war nie etwas anderes.“

Beamter, schulterzuckend: „Steht da aber.“

TS: „Ja, das sehe ich, aber das müssen Sie ändern, das ist nicht richtig.“

Beamter: „Das kann ich nicht einfach so ändern, wenn das da steht. Da müssen Sie einen Antrag stellen, der muss bearbeitet und bewilligt werden. Der ist recht umfangreich.“

TS: „Ich soll also jetzt einen Antrag stellen, Gebühren bezahlen, damit Sie einen Fehler berichtigen?“

Beamter, desinteressiert, ohne aufzublicken: „So sind die Vorschriften.“

TS: „Wissen Sie was? Dann bleibe ich eben Grieche. Schönen Tag noch.“

 

2014
01.15

Ich bin immer noch ganz aufgeregt. Es ist Post gekommen. Riesenumschlag. Ein Vertrach von einem Verlach. Für meinen ersten Krimi. Sieben Seiten lang. Also der Vertrag, der Roman ist natürlich länger. Sind ja schon allein fünf Morde. Ich habe die Frau Chefin vom Verlach sofort angerufen und gesagt, dass ich rein zufällig sowieso ganz in der Nähe und deshalb gleich bei ihr bin. Nicht, dass sie sich das noch anders überlegt  cheap bridesmaid Dresses.

Und die war auch sehr nett. Es gab leckeren Kaffee und nirgends BVB-Aufkleber. Zunächst hat sie mir mal alles gezeigt. Ich muss sagen, ihr Laden hat einen guten Eindruck auf mich macht. Nicht so ein protziger Glaspalast, ganz einfach, bescheiden und solide. Wie bei telefacts.tv. Nur aufgeräumter, aber die hatte ja auch eine Stunde Zeit, bis ich da war. A 40, das Übliche.

Die Frau Chefin selbst war auch sehr nett. Hat mir erklärt, wie schwer das Geschäft ist, und dass wir das ja alle aus Idealismus und nicht wegen des Geldes machen. Als Autor könne man nur schwer vom Buchverkauf allein leben. Und als Verleger erst Recht nicht. Das wusste ich aber schon vom Sender, das sagen die auch immer. Bevor sie am Ende des Jahres wieder Rekordgewinne verkünden.

Ausführlich haben wir über den Verlagsvertrag gesprochen. Leider hat sie deswegen ihren Sporttermin verpasst. Was tut man nicht alles, um den kommenden Star-Autor an Land zu ziehen. Und sind ja auch viele Paragraphen in diesem Vertrag.

Ich verstehe nichts von der Buchbranche, deshalb habe ich mir intensiv nur den Teil mit der Vergütung angesehen. Mir schon mal ausgerechnet, wie reich ich bald werde. Wenn die ersten 50.000 Bücher verkauft sind … oder 100.000 … oder 1 Millionen…dann bekomme ich … Nicht auszudenken. Endlich muss ich nicht mehr wie Spitzwegs armer Poet leben. Hat mal jemand ein paar Urlaubsprospekte? Was kostet eigentlich ein 911er in Vollausstattung? Und ein iPad für die Mitarbeiter der Mediengruppe telefacts.tv müsste dann auch endlich mal drin sein.

Denn dass das ein Bestseller wird, ist ja wohl klar. John Grisham. Dan Brown. Thomas Schweres.

Geht gar nicht anders. Denn bei dem Riesenvorschuss, den dieser Verlag mir zahlen will, da müssen die schon mit einer gewaltigen Startauflage loslegen. Na gut, 500.000 wie beim nächsten Schätzung werden es beim ersten Werk wohl nicht sein, das sehe ich ein. Da wäre das Risiko für den Verlag wohl doch zu hoch. Hinterher bleiben 100.00 Bücher liegen, und dann? Deshalb werden es wohl etwas weniger werden. Man kann ja auch nachdrucken. Ich habe mich mit dem Beispiel Sebastian Fitzek getröstet. Dessen erster Thriller hatte auch nur eine Startauflage von 4.000 Stück. Mittlerweile hat er angeblich in acht Jahren 8 Millionen Bücher an die Leser gebracht. Deshalb kann er es sich auch leisten, weiterhin für RTL zu arbeiten.

Gut gefallen hat mir auch die Laufzeit des Vertrages über die Dauer des Urheberrechts, 70 Jahre. Müsste ungefähr dann enden, wenn die bei WDR 2 das Zeitzeichen über mich senden, zum 125. Geburtstag des berühmten Schriftstellers.

Das Buch muss nur noch erscheinen. Möglichst noch im Sommer, hat die Frau vom Verlag gesagt.

Ach so. Ich dachte, nächste Woche.

Zuerst muss sich noch eine Lektorin das ganze Werk durchlesen, habe ich gelernt, und dann mit mir bearbeiten. Ich weiß zwar nicht, was es da groß zu bearbeiten geben soll. Wenn sie will, kann ich ja drei Sätze ändern, geht ja schnell.

Das Drucken dauert auch noch ein paar Wochen. Danach wird es endlich  an die Läden verteilt.

Die armen Buchhändlerinnen, denke ich, die dann wochen-, ja monatelang im Dunkeln arbeiten müssen, weil die Schaufensterscheiben vollflächig mit meinem Portrait und dem Buchcover zugekleistert sind. Die armen Fußgänger, die beim konzentrierten Lesen meines Krimis als ebook auf ihren Smartphones auf den Gehwegen gegen die bondomasPappaufsteller mit meinem Konterfei in Lebensgröße laufen…. Das dauert ja auch seine Zeit, diese ganzen Werbematerialien zu produzieren.

Außerdem muss vor dem Erscheinen noch  die Welt erfahren, welches bahnbrechende Werk jetzt auf die Leser zu kommt. Und die Zeit. Und die Frankfurter. Und die WAZ und die RN, die Handlung spielt ja größtenteils im Ruhrgebiet. Meine Groupies Heidenreich und Westermann nicht zu vergessen. Die werden das Werk natürlich alle besprechen. Schade, dass Marcel das nicht mehr erleben darf. Aber Hellmuth, zum Glück. Ich muss Lesungen abhalten, in alle Fernseh-Talkshows, im Radio vortragen…Hoffentlich komme ich überhaupt noch zum Arbeiten!

Dann ist da ja auch noch diese Buchmesse in Frankfurt. Schließlich die Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Die ist immer am 10. Dezember, habe ich schon nachgesehen. Hoffentlich habe ich da Zeit und muss nicht gerade drehen.

Wird dieses Jahr wahrscheinlich zu knapp, dann gehe ich da eben 2015 hin, nehme den Preis eben für mein zweite Buch in Empfang. Oder für das erste, wenn das zweite schon raus ist. Wie Thomas Mann. Der hat den Preis bekommen, als ‚Der Zauberberg’ auf dem Markt war. Aber nicht dafür, sondern für die ‚Buddenbrooks’. Für die Verleihung müsste ich allerdings ins Ausland reisen, nach Stockholm in Schweden… Wie lange fährt man denn da? Könnte ich vielleicht unterwegs noch ein  paar Kollegen besuchen. Herrn Mankell zum Beispiel. Kleiner Plausch unter Dichterfürsten, haben Goethe und Schiller ja auch gelegentlich gemacht. Wenn das nicht alles so weit wäre! Wie viele Drehtage mir da entgehen!

Gut, dass der Verlag wenigstens bei mir in der Nähe ist. Kann ich immer schön nach Feierabend vorbeifahren, Kaffee trinken und fragen, wann sie die nächsten 100.000 Bücher endlich ausliefern. Man muss sich schließlich regelmäßig in Erinnerung bringen. Und mit den drei Freiexemplaren allein kann ich den Riesen-Hunger meines Publikums nach anspruchsvoller, aber lesbarer und dabei durchaus spannender Kriminalliteratur nicht befriedigen.

Deshalb ist das gar nicht so schlecht mit diesem kleinen, flexiblen Verlag vor der Haustür, glaube ich. Wir im Revier – gemeinsam nach vorn. Und  so. Denen gönne ich diesen Erfolg auch.  Und Grafit ist ja fast schwarz, wie meine Lieblingsfarbe. Jedenfalls habe ich  einfach mal unterschrieben. Gestern abend um 19:31 Uhr. Aber nur für das erste Buch! Beim zweiten bin ich auch erst bei Seite 27.

2013
12.14

Jetzt ist das Manuskript für meinen Roman schon fast eine Woche fast fertig. Bei Durchsicht der Zeitungen heute morgen ist mir aufgefallen, dass da noch nichts drüber drinsteht.  Wo ich das doch extra in einem der führenden Blogs angekündigt habe.

Da hatte ich doch in der ‘Zeit’ oder der ‘Welt’ zumindest einen 15 Zeiler erwartet, so ein leichtes Rauschen im Blätterwald. “Mit Spannung wird der erste Roman des bekannten Polizeireporters und TV-Journalisten Thomas Schweres erwartet. Gerüchten zufolge soll es sich um einen Kriminalroman handeln, bei dem es auch um brisante Enthüllungen aus der Medienbranche gehen soll….”

Mit irgendwas in der Art hatte ich fest gerechnet. Und mir deshalb auch den Vormittag freigehalten für Nachfragen von Kollegen anderer Blätter, die ganz investigativ etwas Genaueres herausfinden wollten. Das Wettbieten der Verlage würde nach dieser Ankündigung wahrscheinlich auch heute einsetzen. Rowohlt, dtv, Diogenes  … wer da wohl alles anrufen würde? Ich konnte deshalb auch nicht putzen oder staubsaugen. Hinterher hätte ich noch das Klingeln des Telefons überhört.

In den Zeitungen stand aber nichts. Nirgends. Demzufolge blieb das Telefon  still.

Ersatzweise, ich hatte ja jetzt Zeit, habe ich versucht, ein Buch von Jo Nesbo mit Strich durch das o zu lesen. Man muss sich ja auch informieren, was die Konkurrenz so treibt. Vom ersten Satz der ersten Zeile hat das Buch  mich angeschrien: Ich bin eine Übersetzung! Eine schlechte!

Das hat meine Überzeugung bestärkt, dass man den hervorragenden Stil eines Autors nur wertschätzen kann, wenn man ihn im Original liest. Ich kann aber kein norwegisch. Schwedisch auch nicht. Englisch ist eingerostet.

Das wird  den meisten Menschen in unserer Gegend wohl ähnlich gehen. Deswegen sollten sie, würden wahrscheinlich auch gern, Kriminalromane deutschsprachiger Autoren lesen.

Angeboten werden den Lesern aber nahezu ausschließlich Übersetzungen fremdländischer Autoren. Bei meinem letzten Besuch in einer Buchhandlung habe ich mich schon gefragt, wie die Schweden ihr Land am laufen halten. Dort muss es doch auch eine Müllabfuhr geben. Und jemand bei IKEA arbeiten. Volvos bauen. Oder die Elche hüten. Wie funktioniert das, wenn jeder Schwede pausenlos nichts anderes tut als Kriminalromane zu schreiben? Vielleicht ist Saab ja pleite gegangen, weil alle Arbeiter gekündigt haben: “Ne, lass mal, Chef, ich schreibe lieber Romane wie am Fließband, als am Fließband Autos zu montieren!”

Jedenfalls macht das den Eindruck, wenn man sich die Bestseller-Listen ansieht. Ist für die deutschen Verlage natürlich einfacher, weil risikoärmer: Diese Bücher haben auf dem Heimatmarkt schon funktioniert, werden es also wohl auch bei uns. 

Vielleicht brauchen die den auch gar nicht, den Heimatmarkt. Vielleicht kennt und liest die in Schweden keine Sau. Vielleicht reicht es für die deutschen Buchkäufer ja, wenn man beim Autoren-Namen einfach das ‘o’ diagonal durchstreicht.

Ein weiter Vorteil skandinavischer Autoren: Fehler im Plot fallen nicht so auf. Wahrscheinlich haben Skandinavier bessere Straßen  und können deshalb in einer Stunde von Kopenhagen nach Helsinki reisen. Mit einem Volvo. Und wenn die Logik des Verbrechens nicht passt, liegt das daran, dass die Amis und Engländer eben anders ticken als wir.

Vielleicht gibt es aber auch einfach zu wenig hervorragende deutschsprachige Autoren von Kriminalromanen. Naja, das ändert sich ja gerade.

Ich habe diesen sterbenslangweiligen Krimi namens ‘Rotkehlchen’ von diesem Nebo mit Strich durch das o wieder zur Seite gelegt und lieber ein wenig in meinem eigenen Manuskript gelesen.  Das bischen Fernsehen, das ich gucke, mache ich mir ja auch selbst. Dabei ist mir bei den Hauptpersonen meines Romans etwas aufgefallen:

Der Kommissar ist Schalke-Fan, ständig schlecht gelaunt und ständig schwarz gekleidet. Er weiß viel mehr als er sagt und ist genervt von den ganzen Amateuren in seinem Umfeld.

Der Reporter ist auch Schalke-Fan, hat lange graue Haare und raucht ständig Zigarillos. Er hat nie Geld und ist komplett genervt von der Schikanierei im Straßenverkehr durch Polizei und Oberlehrer. Er weiß eigentlich alles besser und macht sich insgesamt viel zu viel Gedanken. Aber am Ende kriegt er doch noch die Kurve.

Der Killer ist zynisch und total frustriert wegen der verpassten Chancen in seinem Leben. Denn eigentlich könnte er mehr als Töten. Wenn er allerdings diesen letzten Mord-Auftrag noch hinbekommt, hat er es geschafft. Leider geht diese Sache dann auch wieder schief.

Da habe ich mich dann gefragt: Wie bin ich eigentlich auf dieses merkwürdige Panoptikum verfallen?

2013
12.10

Dann schreibe ich eben mal ein Buch. Erscheinen ja jährlich tausende von, kann ja nicht so schwer sein. Natürlich wird das besser als alles, was man jemals gelesen hat. Schreiben kann ich ja. Mit meinem begnadeten, an den Klassikern der Weltliteratur geschulten Stil, meinem schier unerschöpflichen Wortschatz, meinem Gefühl für Rhythmus und Timing…

Hallooo? Höre ich da Widerspruch? Stand vielleicht unter Deiner Test-Reportage für Springer „Junge, Du bist Balzac!“? Oder stand das unter meiner? Also, Fresse halten oder sofort raus hier, Freundchen!

Was für eine Art von Buch soll es denn werden, Herr Schweres? Sachbuch fällt schon mal aus,  ich verstehe ja von nix was. Na gut, etwas von Immobilien, jedenfalls, wie man es nicht macht. Aber da habe ich keine Lust drauf.

Also ein Roman. Eine erfundene Geschichte. Die aber glaubwürdig sein muss. Die einzelnen Personen müssen in sich schlüssig handeln, das Ergebnis muss nachvollziehbar sein. Metzgermeister oder Chirurg kann die Hauptperson schon mal nicht sein. Wie man eine Kuh zerlegt oder einen Darm zunäht, habe ich mir noch nie aufmerksam angeschaut. Kann es also auch nicht korrekt beschreiben. Außerdem sind mir die Milieus fremd. Obwohl – blöd wie `ne Kuh, vollkommen im Arsch… lassen wir das.

Wie willst du die Hauptperson nennen, Balzac? Balzac wäre eigentlich ein guter Name. Natürlich eingedeutscht. Ballsack? Doof, klingt wie Ballack.

Und so gar nicht nach Ruhrgebiet. Da muss der Roman weitestgehend spielen, was anderes kenne ich ja nicht. Wenn ich lese, dass jemand vom Münchener Flughafen in zehn Minuten mit dem Auto am Sendlinger Tor ist, schmeiße ich das Machwerk sofort in die Ecke. Fehler, die der Leser nachprüfen kann, sind die schlimmsten. Also Ruhrgebiet,wo ich mich auskenne.

Wir waren beim Namen. Vielleicht Balsackski, die ruhrpolnische Variante? Klingt wie Ballspielen, Sackhüpfen und Skifahren. Also Mist. Oder Balsacow? Eine Holzart und eine Kuh, geht auch nicht. Was ist denn mit Balzack? Einfach ein ‚k’ anhängen, fertig. Manchmal sind die einfachsten Lösungen die besten. Vorname? Kümmere ich mich später drum.

Die eine Hauptperson könnte vielleicht Reporter sein, die andere Polizist. Das hätte den großen Vorteil, dass ich mich nach fast dreißig Jahren beruflicher Tätigkeit als Polizeireporter in beide hineinversetzen zu können glaube. By the way: Zu komplizierte Sätze sollte ich auch nicht schreiben, sagt H. immer. Damit überfordere man den Leser.

Okay. Habe ich also schon mal die Hauptpersonen, die eine heißt Balzack.

Damit steht auch das Genre ziemlich fest. Macht aber nix, ich wollte sowieso nur über Dinge schreiben, von denen ich wenigstens ansatzweise etwas verstehe. Ein Liebesroman wäre deshalb auch von vornherein nicht in Frage gekommen.

Ich werde also einen Kriminalroman schreiben. Mit Tiefgang und präziser psychologischer Zeichnung der auftretenden Personen. Einer verwobenen, verschachtelten Handlung, intelligent gebaut,  aber nicht zu kompliziert. Mit mehreren Morden, natürlich. Blutig und grausam. Das zu beschreiben, wird mir nicht schwer fallen. Ich brauche mir dabei nur die Personen vorzustellen, die auf meiner langen Hassliste ganz oben stehen.

Die Geschichte wird selbstverständlich so spannend sein, dass der Leser das Buch in einer Nacht förmlich verschlingt und es mindestens zehn weiteren Freunden empfiehlt. Und literarisch so anspruchsvoll, dass selbst die Cheflegastheniker vom Feuilleton-Teil der örtlichen Zeitungen es in den höchsten Tönen loben werden. Oder verreißen, weil sie mein Opus magnum nicht verstehen. Kommt aber aufs gleiche raus, Hauptsache, sie schreiben darüber. Aber jetzt bin ich ja schon fast beim Nobelpreis, vorher muss ich das Buch noch verfassen. Dann fangen wir mal an.

Womit denn? Bei einem Krimi am Besten mit einem Mord. Mord kommt am Anfang immer gut. Ist beim Tatort ja auch so. Dass in der zweiten Szene der Gerichtsmediziner flüchtig im Vorbeigehen auf die Leiche schaut, den Todeszeitpunkt präzise mit 22 Uhr 17 Minuten und 36 Sekunden bestimmt und ich dann den Fernseher wieder ausschalte, tut ja nichts zur Sache. Neun Millionen Zuschauer können nicht irren, Sonntag für Sonntag.

Ich schreibe schließlich nicht für mich, ich schreibe  für den Leser. Im Idealfall sogar für die Leser. Vielleicht sogar solche, die das fertige Buch nicht von mir zu Weihnachten als Geschenk aufgedränkt bekommen, sondern es in einem Akt der freien Willensentscheidung von einem der riesigen Stapel mit meinen Werken in der Buchhandlung nehmen und an der Kasse gern viel Geld dafür hinlegen. Aber jetzt bin ich schon wieder in die Zukunft gesprungen, das passiert ja erst beim dritten Band meiner Dekalogie.

Also: Am Anfang steht der Mord. Wer tötet wen? Den Killer zu beschreiben, spare ich mir erst Mal. Ich muss voran kommen. Wirkt ja auch geheimnisvoll, wenn man nicht direkt alles erfährt. Das Opfer könnte… ein Einbrecher sein. Jede zweite Polizeimeldung handelt von Einbrüchen. Wer ist dieser Einbrecher? Weiß ich auch noch nicht. Also los, erster Band, erstes Kapitel, erste Szene: Ein unbekannter Killer ermordet einen unbekannten Einbrecher. Es geht brutal zur Sache, soll es auch. Ich will einen knallharten Krimi schreiben. Also eher Richtung ‚Pulp Fiction’, keinesfalls Tatort mit Tukur.

Das hätten wir schon mal.

Jetzt muss eine der Hauptpersonen auftreten. Entweder der Reporter Balzack oder der Kommissar Nochohnenamen. Ist ja eigentlich auch schnurz.

Aber über die Handlung meines Kriminalromans müsste ich mir vielleicht langsam mal Gedanken machen. Mhm. So könnte es gehen. Oder so. Nein, das wäre unlogisch. Und das nicht schlüssig. Dortmunder Nordstadt muss rein, schön verrucht und exotisch. Und ein wenig Nord-Holland, das  würde der Sache eine gewisse Weltläufigkeit geben. Ich will ja keinen Regional- oder Provinz-Krimi schreiben. Nord-Holland hat auch den Vorteil, dass ich mich da auskenne, das kann ich so runterschreiben. Für den Teil, der während der Balkan-Kriege spielt, müsste ich aber noch etwas nachlesen. Srebenicza, Mostar, Hauptsache Kroatien.

So habe ich dann losgelegt. Sehr schnell musste ich feststellen, dass man 300 Seiten nicht mal eben so runter schreibt wie einen Text im Blog. Nicht wegen des Schreibens, wegen des Denkens. Maaaann, jetzt hört doch mal auf mit diesen billigen Witzen. Das ist wirklich nicht einfach, verschiedene Handlungsstränge miteinander zu verweben, immer darauf zu achten, dass auf Seite 227 behauptete Tatsachen oder Ereignisse auch mit denen auf Seite 65 übereinstimmen.

Im Netz habe ich zum Glück eine Formatvorlage für Taschenbücher gefunden und runtergeladen. Zum einen wusste ich dadurch, dass meine geschrieben Seiten mit der Anzahl der später gedruckten übereinstimmt. Und, ganz hilfreich: Am Rande des Textfeldes befindet sich eine Gliederung. Dort konnte ich Seitenzahlen und provisorische Überschriften für die einzelnen Abschnitte eintragen, durch Anklicken auch immer direkt dort hin springen, um etwas zu verändern oder zu ergänzen.

Ich weiß nicht, wie Autoren das früher gemacht haben, als es diese Hilfsmittel noch nicht gab. Und das Internet. Egal, ob ich nicht genau weiß, wie lang der Weg von A noch B ist, wie es an einer bestimmten Straßenkreuzung in Bochum aussieht, wie man die Kopfbedeckung von Salafisten nennt und wer wen wann wie genau auf dem Balkan bekriegt hat – google hilft.Noch vor zwanzig Jahren hätte man für die Recherche dieser Fakten wahrscheinlich mehrere Wochen Zeit in der Unibibliothek mit einplanen müssen.

Natürlich habe ich meinen Roman dann doch nicht in den angedachten zwei Wochen runtergeschrieben. Das ist eben schwierig, wenn man ‚nebenbei’ noch seinen Lebensunterhalt verdienen und sich um alle möglichen Dinge kümmern muss. Die Konzentrationsleistung, die nötig ist, einen solch langen Text im Griff zu behalten, habe ich völlig unterschätzt. Und dann mal ein freier Sonntag, acht Stunden ungestört, und nur 20 Seiten ‚geschafft’- die meiste Zeit verging mit Nachdenken über den Plot, Ergänzungen hier, Streichungen dort. Manchmal war ich so drin in meiner Handlung, dass ich H. beim schnellen Abendessen zwischendurch ‚Gina’ genannt habe, wie eine Figur im Roman. Seitdem weiß ich auch, warum Schriftsteller ihre Bücher immer ihren Frauen widmen und sich für deren Unterstützung bedanken.

Begonnen habe ich am 6. November. Letzten Samstag, am 07. Dezember, hatte ich 278 Seiten runtergeschrieben. Und dachte: Das war es im Groben. Seitdem bin ich mit Schönschreiben und Kürzen beschäftigt, soll ja knackig und gut lesbar werden. Gestern Abend war ich übrigens bei 304 Seiten.

Das Schlimmste ist: Die Euphorie ist weg, die Zweifel steigen. Ist das nicht vielleicht doch nur gequirlte Kacke, die ich da zusammengeschrieben habe? Interessiert das überhaupt jemanden?

Wem könnte ich das zeigen, wen könnte ich fragen?

Das ist nämlich auch so ein Problem. Einiges ist, vieles scheint autobiografisch zu sein. Menschen aus meinem engsten Umfeld würden mich in dem Reporter sehen, sich selbst in einer anderen Figur suchen. Sie könnten sich die beschriebenen Abläufe und Handlungsorte aus persönlicher Kenntnis der Metiers und/oder Lokalitäten leicht vorstellen, auch wenn meine Beschreibung schlecht sein sollte. Ihnen fehlt einfach die nötige Distanz. Und, nicht nur im Fall von H., die nötige Bewunderung für den mysteriösen, unbekannten Autor. Bin ja nur ich.

Und wer würde schon einem Freund oder auch nur Bekannten, der sich für das Verfassen von mehr als 300 Seiten Text mutmaßlich etwas Mühe gegeben hat, schon die ehrliche Antwort geben: „Langweilige Scheiße!“

Ich habe mein Zeugs dann an einen Menschen gemailt, den ich noch nicht sehr lange kenne, der deshalb mit meinen beruflichen und persönlichen Gegebenheiten nicht allzu vertraut ist und einen halbwegs neutralen Blick auf den Text werden könnte. An einen Menschen, dessen Urteil ich sehr schätze, obwohl er Lehrer ist. Leider ist er bis Ende Januar zu beschäftigt, um sich das anzusehen. Lehrer eben.

Also komme ich nicht umhin, mich trotz aller Selbstzweifel einem professionellen Urteil zu stellen. Ich suche seit gestern eine Literaturagentur oder eine(n) Verlagslektor(in). Auch nicht einfach. Zu Anfang war ich selbstverständlich von einer internationalen Bieterauktion um die Druckrechte ausgegangen. De facto stelle ich gerade fest, dass ich mich im Verlagswesen nicht auskenne. An wen und wie viele Menschen schicke ich mein Werk? In welcher Form? Landet das da ungelesen sofort im Papierkorb, oder wird die Rückseite wenigstens als Schmierpapier verwendet, zum Beispiel für Anmerkungen der Lektorin zum siebten Band von ‚Feuchtgebiete’?

Kann mir da jemand helfen????????????? 

2013
11.03

H. ist bei der Techniker Krankenkasse (TK) versichert. Die TK zahlt ihren Mitgliedern für das Jahr 2013 und 2014 jeweils 80 Euro aus ihren Beiträgen zurück. Da kann H. sich über 160 Euro freuen. Tut sie aber nicht.

Die TK nutzt diese Rückzahlung nämlich für eine aufwendige Werbeaktion. Auf ihrer Internetseite erklärt die Krankenkasse potentiellen Neumitgliedern genau, mit wie viel Rückzahlung sie anteilig rechnen dürfen: 10 Euro pro Monat Mitgliedschaft in 2013. Wären eigentlich 120 Euro bei 12 Monaten Mitgliedschaft.

Der Höchsterstattungsbetrag ist aber auf die genannten 80 Euro gedeckelt. Wer zum Beispiel zum 01. Juli in die TK eingetreten ist, bei gleichem monatlichen Beitrag also nur die Hälfte von H.’s Beitrag eingezahlt hat, bekommt immer noch 60 Euro zurück. Das ist schon mal ungerecht, findet H..

Wer zum 01.01.2014 Mitglied der TK wird, bekommt die gleichen 80 Euro für 2014 wie sie, die schon seit 20 Jahren dort ihre Beiträge einzahlt. Ohne zuvor jemals diese „Dividende“, wie die TK es nennt, bekommen zu haben. „Die zahlen jetzt an Neumitglieder aus, was sie seit Jahren aus meinen Beiträgen angehäuft haben!“, meint H.. Wobei die Reserven von 3,7 Milliarden Euro, die die TK angehäuft hat, nicht nur aus H.’s Beiträgen stammen dürften. Da haben die anderen 8,5 Millionen Versicherten der größten deutschen Kasse sicherlich auch zu beigetragen.

Der angesammelte Überschuss von 3,7 Milliarden Euro ist jedenfalls die Höchstsumme an Rücklagen, die die Techniker Krankenkasse  gesetzlich haben darf, und deshalb zahlt sie jetzt diese „Dividende“.

Wobei das Wort „Dividende“ natürlich in die Irre führt. Das klingt nach Konzernen und Aktien. Da die 3,7 Milliarden Euro nicht seit 2013 zusammengekommen sind, Ende 2012 Betrug er schon eine knappe Milliarde (998 Millionen), hätten Anteilsinhaber an Aktiengesellschaften auch schon in den Vorjahren Dividende kassiert oder von der Wertsteigerung ihrer Aktien durch Verkauf profitieren können.

Man hätte natürlich im Zweifelsfall, bei Unverträglichkeit von Generica, öfter mal das Original-Präparat genehmigen können. Oder die Zuzahlungen für Hilfsmittel, z.B. Hörgeräte, nicht kürzen müssen. Oder begleitende Therapien (Physiotherapie, Lymphdrainage) weiterhin genehmigen können. Oder Vorsorgeuntersuchungen (Ultraschall) weiterhin bezahlen. Oder, wie andere Krankenkassen es für ihre Mitglieder tun, denen einmal im Jahr eine professionelle Zahnreinigung spendieren können.  Gibt bestimmt noch mehr Beispiele. Ich kenne mich da nicht aus, ich bin ja nie krank.

Dann wären aber die hohen Überschüsse nicht zusammengekommen,  die man jetzt zum Teil im Rahmen einer Werbeaktion an Neu-Mitglieder ausschütten kann.