Wenn jemand auf dem BVB-Traingsplatz hasserfüllt „Hau bloß ab, Du Hurensohn!!!“ schreit, zucke ich natürlich erstmal automatisch zusammen. Aber es liegt nicht an dem hier „falschen“ Aufkleber auf meinem Auto. Den können die vom nicht-öffentlichen Training ausgesperrten Fans hinterm Zaun überhaupt nicht sehen.
Ihre Kommentare gelten heute Nachmittag Mario Götze, der als einer der letzten aufläuft. Er hat die Schmähung gehört, blickt spöttisch grinsend rüber – aus sicherer Entfernung. Götze scheint gut drauf, scherzt und lacht mit den Kollegen. Die Worte “Demut” und “Zurückhaltung” kommen mir in den Sinn. Aber der Mario braucht sie ja nicht mehr zu lernen, wo er hingeht, kennt man beides nicht.
Die Spieler laufen ihre Runden über den am weitesten von den Presse-Kameras und ihren Fans entferntesten Teil des Platzes. Jeglicher Kontakt scheint unerwünscht, es könnte ja unter Umständen eine kritische Frage kommen. Nach 15 Minuten komplimentieren uns die Vertreter der UEFA vom Gelände, die haben hier heute den Hut auf.
Wir befragen noch kurz die Fans. Sie sind natürlich zutiefst enttäuscht. sie sprechen von “Wut”, sie wirken aber eher resigniert. Nach seinen ganzen Bekenntnissen zum Verein, der Vertragsverlängerung, und jetzt das. Auch als bekennender Schalker will da keine Schadenfreude aufkommen. Man denkt natürlich direkt an Manuel Neuer – aber das sei nicht vergleichbar, wird mir erklärt: Der Neuer hätte zu diesem Zeitpunkt ja noch nichts gewonnen gehabt. Dem konnte man glauben, dass er sich spielerisch weiterentwickeln, dauerhaft international spielen will. Aber Götze, nach zwei Meisterschaften, so weit in der Champions-League – was will der denn in München? Die paar Millionen mehr, die kann man doch sowieso nicht ausgeben. Für das Spiel morgen wünschen sie sich, dass ihr Mario erst gar nicht aufgestellt wird: „Wenn der noch mal so ein Ding wie gegen Malaga versemmelt, was glaubt ihr, was dann im Westfalenstadion los ist?“
In ihrer Enttäuschung, oder weil sie zu weit weg stehen müssen, übersehen die BVB-Anhänger die gute Nachricht des Tages: Patrick Owomoyela trainiert mit, scheint wieder fit zu sein. Enttäuscht schleichen die Anhänger von dannen. Auch die eigens angeforderten Polizeiwagen rücken ab: Keine besonderen Vorkommnisse.
mit großer Begeisterung habe ich gerade den Pressetext für den neuen Ixo Barbecue gelesen. Ein Aufsatz, der aus einem Akkuschrauber einen Fön macht, ganz ohne lästige Kabel – wie genial ist das denn, warum hat das eigentlich bisher noch niemand erfunden? Was aus Ihrem Text nicht hervorgeht: Kann man den Grill-Aufsatz auch einzeln kaufen? Natürlich sind 59,90 Euro für das Set nicht die Welt. Aber meine Freundin hat schon einen IXO, mit dem sie sehr gut zurechtkommt, wie ich aus eigener Anschauung weiß. Sie bräuchte also nur noch den Aufsatz. Den würde ich ihr dann zu Ostern schenken. Und könnte ihr dann damit die Grillkohle für meine Steaks schneller und komfortabler entzünden. Da würde sie sich bestimmt sehr freuen.
Teilen Sie mir doch bitte mit, wo und zu welchem Preis ich diesen Aufsatz kurzfristig erwerben kann.
„Ist er nicht süüüüüß?“, freut sich Frauchen. Ihr Labrador hat sich gerade im Hausflur neben uns ausgiebig den schmutzigen Schneematsch aus dem Fell geschüttelt. Ich reiße mich zusammen. Die Jeans muss sowieso gewaschen werden. Und das meiste ist ja auch auf die weiß gestrichene Wand gespritzt. Den Granitboden kann man leicht abwischen. Das würde sie selbstverständlich jedes Mal tun, wenn sie mit ihren beiden Hunden (Hilfe, sogar zwei!) vom Gassigehen käme, sagt sie. Na klar, denke ich, bis hoch zur zweiten Etage. Dort liegt nämlich die Wohnung, für die sich die rothaarige Dame um die vierzig als Mieterin beworben hat. Während wir hochgehen, will Heinrich, so heißt der Hund, unbedingt neben seinem kräftigen, etwa 1,80 Meter großen Frauchen herlaufen. Ihrer Barbour-Jacke und den derben Prada-Stiefeln macht das nichts, aber der aufgeregt bellende Heinrich hinterlässt einen dunklen nassen Streifen auf der Wand. „Das ist nur Wasser, das trocknet“, beruhigt die Walküre mich. Genau. Trocknet nur leider dunkel, weil dreckig.
Oben angekommen, habe ich den Eindruck, dass es nicht Heinrichs erste Wohnungsbesichtigung ist. Als ich die Tür öffne, ignorieren Frau und Gescherr den Aufnehmer, den ich extra auf die Matte gelegt hatte. Heinrich rast ohne Scheu durch die Diele ins Wohnzimmer, springt mit den Vorderpfoten auf die Fensterbank, um den Ausblick zu prüfen. Dann nimmt er sich die Küche vor, schnüffelt an der Kühlschranktür, leckt an der Dichtung. Ich könnte kotzen.
Frau B. schaut ihrem Heinrich verzückt zu, fordert mich wieder auf, ihn „süüüüß“ zu finden, und konstatiert, dass ihr Hund sich hier wohl fühle. Etwas lauter, um sein aufgeregtes Bellen zu übertönen, erklärt mir die Dame, dass Heinrich ein ganz ruhiger Zeitgenosse ist, speziell, wenn er mit ihrem Yorckie Bella zusammen sei. Man würde die beiden tagsüber nie hören, wenn sie arbeiten sei. Soso. Damit verrät sie mir nichts Neues. Das sagen sie alle.
Frauchen und Heinrich fühlen sich jedenfalls schon wie zu Hause und möchten die Wohnung gern mieten. Frau B. ist eine Freundin schneller Entscheidungen, lerne ich. Auf ihrer riesigen naturbraunen Handtasche, farblich passend zu den Stiefeln, unter deren stark profilierten Kautschuk-Sohlen sich gerade eine Wasserlache bildet, steht „FREDs Bruder“. Die Schwester zieht geschäftsmäßig eine Selbstauskunft und einen Gehaltsnachweis hervor. Claudia ist Vorstandsassistentin (hieß das nicht früher Chefsekretärin?), ledig, 41 und verdient zweiacht netto, weiß ich jetzt. Leisten kann sie sich die Wohnung also. Für ihren kargen Lohn dürfe sie aber gern und oft auch mal 10 Stunden arbeiten, relativiert Claudia ihr erstaunlich hohes Gehalt. Macht mindestens 11 Stunden, in denen die Hunde allein sind, rechne ich im Kopf nach.
Frau B. wird richtig zutraulich, jetzt, wo alles geklärt ist. Zum Putzen habe sie nach ihrem anstrengenden Arbeitstag natürlich keine Zeit mehr, das sei auch nicht ihr Ding. Ob einer der anderen Mieter wohl eine Putzfrau habe, die ein bis zweimal pro Woche auch zu ihr kommen könnte?
Ich sage nicht mehr viel, dafür kommt sie jetzt ins Schwätzen, während sie mit raumgreifenden Schritten durch die Wohnung stolziert, sich in Gedanken bereits einrichtet: Wie schwer das sei, mit zwei Hunden eine Wohnung zu bekommen, vertraut sie mir an. Die meisten Vermieter würden schon am Telefon abwinken. Aber seit gestern sei ja alles anders, darum habe sie mir auch erst gar nichts von den Tieren erzählt. Wäre ja auch nicht mehr relevant. Endlich habe mal ein Richter ein Einsehen gehabt und nicht weltfremd geurteilt. Sie findet es richtig, dass ein generelles Haustierverbot nicht mehr rechtens ist. Klar käme es auf den Einzelfall und die Interessen der anderen Mieter an, aber wer sich über Heinrich und Bella beschwere, sei sowieso ein Querulant. Und im Zweifelsfall, sie hebt den Kopf und schüttelt kämpferisch ihre rote Mähne: „Advocard, Sie wissen schon.“
Ich beiße mir auf die Lippen. Denke natürlich über dieses BGH-Urteil nach, das ein weiteres Mal die Rechte von Eigentümern beschneidet. Über das Theater, das ich in der Vergangenheit schon hatte, wenn sich Mieter plötzlich ein Tier angeschafft haben und die anderen im Haus sich gestört fühlten. Die „Abwägung der Interessen“ zwischen den Parteien wird zunächst zu Lasten der Vermieter gehen, wie immer: Zuerst die Scherereien mit den Nachbarn, die sich über das Gekläffe beschweren. Dann Mietkürzungen. Oder Auszug aus einem wichtigen Grund, ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist. Bei Katzen ist das anders. Katzen kläffen nicht. Mit ihren Besitzern gibt es meist erst Theater, wenn sie ausziehen. Wegen der Renovierung, weil die Kratzspuren im Parkett nach deren Meinung zur normalen Abnutzung gehören. Einmal hatte ich auch ein vom Vorbesitzer des Hauses ererbtes Problem mit einem Mieter, der mittig quer durch sein Wohnzimmer einen raumhohen Maschendraht gespannt hatte. Auf der einen Seite saß er mit einer Pulle Bier im Sessel und schaute den Schlangen auf der anderen Seite zu. Er war der Meinung, keine Miete zahlen zu müssen und trotzdem nicht geräumt werden zu können, weil seine Tiere ja dann ihr Obdach verlören. Denn damit würde ihn ja kein anderer Vermieter nehmen. Den bin ich damals irgendwie losgeworden, heute würde das schwieriger: Eine Belästigung durch die für sie nicht sicht- und hörbaren Schlangen müssten Nachbarmieter erst mal nachweisen.
Die Gerichte werden solche Fälle noch mehr beschäftigen als jetzt. darum halte ich das mit “Abwägung der Interessen” auch für völlig lebensfremd von diesem Richter. Aber das sage ich alles nicht. Im geiste höre ich Claudias Köter kläffen und sehe ihre Advocard glühen.
Frau B. ist jedenfalls froh, dass sie eine neue Wohnung gefunden hat. „Denn wenn Sie mich ablehnen“, das klingt jetzt aber leicht drohend, oder bilde ich mir das ein? „dann kann das ja nur wegen der Tiere sein!“, meint sie selbstbewusst. Das wäre dann Diskriminierung, fügt sie hinzu, und da gäbe es ja auch einen Paragraphen für!
Ich bedanke mich höflich bei Frau B. für ihr Interesse an der Wohnung, überwinde meinen Ekel gekonnt und streichle Heinrich zum Abschied über sein stinkendes Fell. Schließlich will ich nicht als Diskriminierer rüberkommen. An der Wohnungstür bestätige ich Frau B., dass sie in die engere Mieter-Auswahl kommt, es aber noch zwei andere ernstzunehmende Interessenten gibt, die vor ihr zur Besichtigung da waren.
Während Frauchen und Heinrich fröhlich bellend und beschwingten Schrittes hinuntergehen, überlege ich, ob in der Abstellkammer der Wohnung noch ein Eimer und Frosch-Allzweckreiniger rumstehen. Aber erst Mal die Fenster aufreißen, damit der Gestank von nassem Hund rauszieht. Ist ja widerlich. Schlimmer als jeder Zigarettenqualm.
Ich sehe aus dem Fenster. Starker Schneefall. Ich blicke in die Zeitung: 17 Todesanzeigen. Vier der Verblichenen sind jünger als ich. Wir schreiben den 20. März. Heute ist Frühlingsanfang.
Aber nicht nur. Heute begehen wir noch einen anderen Feiertag: Den „International Day of Happiness“. Dieser Glücks-Tag wurde von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen und wird in diesem Jahr zum ersten Mal begangen. Die UN meinen, zum Glück gehöre nicht nur Kohle, sondern gleichgewichtig auch soziale und Umwelt-Aspekte. Wie man das am besten erlangt, darüber sollen heute alle Weltbewohner nachdenken. Also auch Matze und ich, mehr Erdenbürger sehe ich gerade nicht, Niko hat Rücken und ist krankgeschrieben.
Also: Was ist Glück? Die NRZ hat mit einem Professor gesprochen, der es wissen muss. Professoren erforschen ja bekanntlich alles mögliche. Dieser hier, sein Name ist Karlheinz Ruckriegel, hat das Glück, sich an einer mir bis dato nicht bekannten Hochschule in Nürnberg innerhalb seines Faches, der Volkswirtschaftslehre, als „Glücksforscher“ betätigen zu dürfen.
Eigentlich macht der also nix anderes als wir, denke ich. Wir forschen ja auch immer, mit welchen Geschichten wir unsere Zuschauer am glücklichsten machen können, damit möglichst viele einschalten. Und wir gut verdienen.
Allerdings macht Geld allein nicht glücklich, habe ich in meinen jahrelangen Feldforschungen festgestellt. Es gehören zum Glück auch Immobilien dazu, jedenfalls, wenn sie gut vermietet sind. Eine Sparkasse, die nicht bei jedem Kreditanfrage rumzickt. Und eine schnelle Karre, die nicht dauernd kaputt geht.
Aber hören wir lieber mal den Professor, der das wissenschaftlich erforscht hat. Herr Ruckriegel meint, das Glück wohne nicht im Tresor. Forschungen hätten ergeben, dass ab 5.000 Euro netto im Monat das Glücksgefühl nicht mehr steige. Na, da bin ich ja beruhigt. Wenn jetzt die Inflation so richtig einsetzt, wäre dieses Einkommen ja vielleicht irgendwann erreichbar. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ich mit 7, 8 oder 10 Mille netto im Monat noch glücklicher wäre. Theoretisch.
Ebenfalls wichtig, sagt der Glücksforscher, ist die Zufriedenheit des Menschen mit seinem Arbeitsplatz. Zu wenig Lob und Wertschätzung der Mitarbeiter führe zu höheren Krankenständen. Damit bestätigt er meine These, dass kleine Schläge auf Matzes Hinterkopf sein Denkvermögen erhöhen und für ihn die ultimative Form von Lob und Anerkennung sind, also ein Glücksgefühl auslösen: Mein Chef traut mir mehr zu, als ich gerade leiste. Vielleicht ist deshalb auch die Krankheitsquote in unserem Kleinunternehmen so extrem niedrig. Matze und Niko zum Beispiel hatten im letzten Jahr weiniger Krankheits- als Urlaubstage, und das waren jeweils: Sieben. Und nach fast acht Jahren mit einer 9,82-Kilo-Mühle auf der rechten Schulter darf Niko auch mal ein paar Tage „Rücken“ haben. Natürlich drücke ich die Krankheitsquote in unserem Kleinstunternehmen persönlich noch weiter runter. Was ich jetzt nicht, jedenfalls nicht nur, auf die Zufriedenheit mit meinem Arbeitsplatz zurückführen würde. Ein wenig hat das wohl auch damit zu tun hat, dass bei Selbständige aufkommende Krankheitserscheinungen einfach weggearbeitet werden. Möglicherweise liegt es daran, wenn ich beim Herumhumpeln auf meinen schmerzenden Gichtknochen nicht immer den allerglücklichsten Gesichtsausdruck vor mir hertrage.
Der Professor meint, Selbständige seien generell viel glücklicher als andere: „Weil sie eben viel Freiheit haben, auf das einzuwirken, was sie tun.“ Nun ja. Herr Ruckriegel kann unser Glücksgefühl gerne mal messen, wenn wir uns nachmittags gegen 17 Uhr durch die Staus im Ruhrgebiet quälen. Wenn die Leute, die morgens zeitgleich mit uns begonnen haben, Feierabend haben und wir noch mal eben nach Bielefeld müssen, für eine Geschichte. Natürlich hätten wir die Freiheit, den Auftrag abzulehnen und kein Geld zu verdienen. Das sollten wir nur nicht zu oft tun, sonst sucht der Sender sich andere. Wenn wir uns dann aber zusammengerissen haben, als letzte am Tatort angekommen sind und als erste alle wichtigen Bilder und O-Töne eingesammelt haben, uns gegen 22 Uhr dann noch die Freiheit nehmen, beim Burger-King auf der A2 anzuhalten, um endlich etwas zu essen, dann sind wir auch irgendwie glücklich. Stimmt.
Aber Glücksmomente, um solche kann es ja nur gehen, gibt es da denn kein Rezept für? Doch, sagt der Mann aus dem Elfenbeinturm: Wichtig sei die innere Einstellung zum Leben. Dankbarkeit sei wichtig. Man solle sich drei Dinge am Tag notieren, für die man dankbar sein kann. Dann setze das Glücksgefühl irgendwann ein.
Mal nachdenken:
Heute ist Frühlingsanfang, das Wetter könnte besser sein. Aber der Schnee bleibt jedenfalls nicht liegen, dafür bin ich dankbar.
Ähnlich ist das mit den Todesanzeigen. Fast ein Viertel der Verstorbenen ist in meinem Alter oder jünger als ich, und ich habe doch noch gar nicht gelebt. Was ist, wenn es mich morgen erwischt? Aber einerseits haben die Verblichenen es dafür auch hinter sich, und den 13 anderen in den heutigen Anzeigen ist ja viel mehr Zeit geblieben. Vielleicht bleibt die auch mir, denn noch lebe ich ja. Da sollte ich dankbar für sein, dass ich gesund und arbeitsfähig bin.
Führt mich zu Punkt drei: Mein Kameramann ist krankgeschrieben. Klingt jetzt erstmal nicht so toll. Aber ich sollte dankbar sein, dass wenigstens er dadurch gezwungen ist, sich mal richtig auszuruhen. Doch was soll ich machen, wenn ein plötzlicher Dreh ansteht? Das zwingt mich dazu, mit vielen Freien zu telefonieren, von denen ich seit Jahren nichts gehört habe. Ist doch auch mal ganz schön. Hier in der Redaktion ist es auch ruhiger, ich kann mir mal in Ruhe ein paar grundsätzliche Gedanken machen. Da sollte ich auch dankbar für sein. VOM NIXTUN KOMMT ABER KEINE KOHLE REIN!, schreit da eine innere Stimme. Glücklich klingt die nicht. Aber ich übe ja noch.