2013
12.10

Dann schreibe ich eben mal ein Buch. Erscheinen ja jährlich tausende von, kann ja nicht so schwer sein. Natürlich wird das besser als alles, was man jemals gelesen hat. Schreiben kann ich ja. Mit meinem begnadeten, an den Klassikern der Weltliteratur geschulten Stil, meinem schier unerschöpflichen Wortschatz, meinem Gefühl für Rhythmus und Timing…

Hallooo? Höre ich da Widerspruch? Stand vielleicht unter Deiner Test-Reportage für Springer „Junge, Du bist Balzac!“? Oder stand das unter meiner? Also, Fresse halten oder sofort raus hier, Freundchen!

Was für eine Art von Buch soll es denn werden, Herr Schweres? Sachbuch fällt schon mal aus,  ich verstehe ja von nix was. Na gut, etwas von Immobilien, jedenfalls, wie man es nicht macht. Aber da habe ich keine Lust drauf.

Also ein Roman. Eine erfundene Geschichte. Die aber glaubwürdig sein muss. Die einzelnen Personen müssen in sich schlüssig handeln, das Ergebnis muss nachvollziehbar sein. Metzgermeister oder Chirurg kann die Hauptperson schon mal nicht sein. Wie man eine Kuh zerlegt oder einen Darm zunäht, habe ich mir noch nie aufmerksam angeschaut. Kann es also auch nicht korrekt beschreiben. Außerdem sind mir die Milieus fremd. Obwohl – blöd wie `ne Kuh, vollkommen im Arsch… lassen wir das.

Wie willst du die Hauptperson nennen, Balzac? Balzac wäre eigentlich ein guter Name. Natürlich eingedeutscht. Ballsack? Doof, klingt wie Ballack.

Und so gar nicht nach Ruhrgebiet. Da muss der Roman weitestgehend spielen, was anderes kenne ich ja nicht. Wenn ich lese, dass jemand vom Münchener Flughafen in zehn Minuten mit dem Auto am Sendlinger Tor ist, schmeiße ich das Machwerk sofort in die Ecke. Fehler, die der Leser nachprüfen kann, sind die schlimmsten. Also Ruhrgebiet,wo ich mich auskenne.

Wir waren beim Namen. Vielleicht Balsackski, die ruhrpolnische Variante? Klingt wie Ballspielen, Sackhüpfen und Skifahren. Also Mist. Oder Balsacow? Eine Holzart und eine Kuh, geht auch nicht. Was ist denn mit Balzack? Einfach ein ‚k’ anhängen, fertig. Manchmal sind die einfachsten Lösungen die besten. Vorname? Kümmere ich mich später drum.

Die eine Hauptperson könnte vielleicht Reporter sein, die andere Polizist. Das hätte den großen Vorteil, dass ich mich nach fast dreißig Jahren beruflicher Tätigkeit als Polizeireporter in beide hineinversetzen zu können glaube. By the way: Zu komplizierte Sätze sollte ich auch nicht schreiben, sagt H. immer. Damit überfordere man den Leser.

Okay. Habe ich also schon mal die Hauptpersonen, die eine heißt Balzack.

Damit steht auch das Genre ziemlich fest. Macht aber nix, ich wollte sowieso nur über Dinge schreiben, von denen ich wenigstens ansatzweise etwas verstehe. Ein Liebesroman wäre deshalb auch von vornherein nicht in Frage gekommen.

Ich werde also einen Kriminalroman schreiben. Mit Tiefgang und präziser psychologischer Zeichnung der auftretenden Personen. Einer verwobenen, verschachtelten Handlung, intelligent gebaut,  aber nicht zu kompliziert. Mit mehreren Morden, natürlich. Blutig und grausam. Das zu beschreiben, wird mir nicht schwer fallen. Ich brauche mir dabei nur die Personen vorzustellen, die auf meiner langen Hassliste ganz oben stehen.

Die Geschichte wird selbstverständlich so spannend sein, dass der Leser das Buch in einer Nacht förmlich verschlingt und es mindestens zehn weiteren Freunden empfiehlt. Und literarisch so anspruchsvoll, dass selbst die Cheflegastheniker vom Feuilleton-Teil der örtlichen Zeitungen es in den höchsten Tönen loben werden. Oder verreißen, weil sie mein Opus magnum nicht verstehen. Kommt aber aufs gleiche raus, Hauptsache, sie schreiben darüber. Aber jetzt bin ich ja schon fast beim Nobelpreis, vorher muss ich das Buch noch verfassen. Dann fangen wir mal an.

Womit denn? Bei einem Krimi am Besten mit einem Mord. Mord kommt am Anfang immer gut. Ist beim Tatort ja auch so. Dass in der zweiten Szene der Gerichtsmediziner flüchtig im Vorbeigehen auf die Leiche schaut, den Todeszeitpunkt präzise mit 22 Uhr 17 Minuten und 36 Sekunden bestimmt und ich dann den Fernseher wieder ausschalte, tut ja nichts zur Sache. Neun Millionen Zuschauer können nicht irren, Sonntag für Sonntag.

Ich schreibe schließlich nicht für mich, ich schreibe  für den Leser. Im Idealfall sogar für die Leser. Vielleicht sogar solche, die das fertige Buch nicht von mir zu Weihnachten als Geschenk aufgedränkt bekommen, sondern es in einem Akt der freien Willensentscheidung von einem der riesigen Stapel mit meinen Werken in der Buchhandlung nehmen und an der Kasse gern viel Geld dafür hinlegen. Aber jetzt bin ich schon wieder in die Zukunft gesprungen, das passiert ja erst beim dritten Band meiner Dekalogie.

Also: Am Anfang steht der Mord. Wer tötet wen? Den Killer zu beschreiben, spare ich mir erst Mal. Ich muss voran kommen. Wirkt ja auch geheimnisvoll, wenn man nicht direkt alles erfährt. Das Opfer könnte… ein Einbrecher sein. Jede zweite Polizeimeldung handelt von Einbrüchen. Wer ist dieser Einbrecher? Weiß ich auch noch nicht. Also los, erster Band, erstes Kapitel, erste Szene: Ein unbekannter Killer ermordet einen unbekannten Einbrecher. Es geht brutal zur Sache, soll es auch. Ich will einen knallharten Krimi schreiben. Also eher Richtung ‚Pulp Fiction’, keinesfalls Tatort mit Tukur.

Das hätten wir schon mal.

Jetzt muss eine der Hauptpersonen auftreten. Entweder der Reporter Balzack oder der Kommissar Nochohnenamen. Ist ja eigentlich auch schnurz.

Aber über die Handlung meines Kriminalromans müsste ich mir vielleicht langsam mal Gedanken machen. Mhm. So könnte es gehen. Oder so. Nein, das wäre unlogisch. Und das nicht schlüssig. Dortmunder Nordstadt muss rein, schön verrucht und exotisch. Und ein wenig Nord-Holland, das  würde der Sache eine gewisse Weltläufigkeit geben. Ich will ja keinen Regional- oder Provinz-Krimi schreiben. Nord-Holland hat auch den Vorteil, dass ich mich da auskenne, das kann ich so runterschreiben. Für den Teil, der während der Balkan-Kriege spielt, müsste ich aber noch etwas nachlesen. Srebenicza, Mostar, Hauptsache Kroatien.

So habe ich dann losgelegt. Sehr schnell musste ich feststellen, dass man 300 Seiten nicht mal eben so runter schreibt wie einen Text im Blog. Nicht wegen des Schreibens, wegen des Denkens. Maaaann, jetzt hört doch mal auf mit diesen billigen Witzen. Das ist wirklich nicht einfach, verschiedene Handlungsstränge miteinander zu verweben, immer darauf zu achten, dass auf Seite 227 behauptete Tatsachen oder Ereignisse auch mit denen auf Seite 65 übereinstimmen.

Im Netz habe ich zum Glück eine Formatvorlage für Taschenbücher gefunden und runtergeladen. Zum einen wusste ich dadurch, dass meine geschrieben Seiten mit der Anzahl der später gedruckten übereinstimmt. Und, ganz hilfreich: Am Rande des Textfeldes befindet sich eine Gliederung. Dort konnte ich Seitenzahlen und provisorische Überschriften für die einzelnen Abschnitte eintragen, durch Anklicken auch immer direkt dort hin springen, um etwas zu verändern oder zu ergänzen.

Ich weiß nicht, wie Autoren das früher gemacht haben, als es diese Hilfsmittel noch nicht gab. Und das Internet. Egal, ob ich nicht genau weiß, wie lang der Weg von A noch B ist, wie es an einer bestimmten Straßenkreuzung in Bochum aussieht, wie man die Kopfbedeckung von Salafisten nennt und wer wen wann wie genau auf dem Balkan bekriegt hat – google hilft.Noch vor zwanzig Jahren hätte man für die Recherche dieser Fakten wahrscheinlich mehrere Wochen Zeit in der Unibibliothek mit einplanen müssen.

Natürlich habe ich meinen Roman dann doch nicht in den angedachten zwei Wochen runtergeschrieben. Das ist eben schwierig, wenn man ‚nebenbei’ noch seinen Lebensunterhalt verdienen und sich um alle möglichen Dinge kümmern muss. Die Konzentrationsleistung, die nötig ist, einen solch langen Text im Griff zu behalten, habe ich völlig unterschätzt. Und dann mal ein freier Sonntag, acht Stunden ungestört, und nur 20 Seiten ‚geschafft’- die meiste Zeit verging mit Nachdenken über den Plot, Ergänzungen hier, Streichungen dort. Manchmal war ich so drin in meiner Handlung, dass ich H. beim schnellen Abendessen zwischendurch ‚Gina’ genannt habe, wie eine Figur im Roman. Seitdem weiß ich auch, warum Schriftsteller ihre Bücher immer ihren Frauen widmen und sich für deren Unterstützung bedanken.

Begonnen habe ich am 6. November. Letzten Samstag, am 07. Dezember, hatte ich 278 Seiten runtergeschrieben. Und dachte: Das war es im Groben. Seitdem bin ich mit Schönschreiben und Kürzen beschäftigt, soll ja knackig und gut lesbar werden. Gestern Abend war ich übrigens bei 304 Seiten.

Das Schlimmste ist: Die Euphorie ist weg, die Zweifel steigen. Ist das nicht vielleicht doch nur gequirlte Kacke, die ich da zusammengeschrieben habe? Interessiert das überhaupt jemanden?

Wem könnte ich das zeigen, wen könnte ich fragen?

Das ist nämlich auch so ein Problem. Einiges ist, vieles scheint autobiografisch zu sein. Menschen aus meinem engsten Umfeld würden mich in dem Reporter sehen, sich selbst in einer anderen Figur suchen. Sie könnten sich die beschriebenen Abläufe und Handlungsorte aus persönlicher Kenntnis der Metiers und/oder Lokalitäten leicht vorstellen, auch wenn meine Beschreibung schlecht sein sollte. Ihnen fehlt einfach die nötige Distanz. Und, nicht nur im Fall von H., die nötige Bewunderung für den mysteriösen, unbekannten Autor. Bin ja nur ich.

Und wer würde schon einem Freund oder auch nur Bekannten, der sich für das Verfassen von mehr als 300 Seiten Text mutmaßlich etwas Mühe gegeben hat, schon die ehrliche Antwort geben: „Langweilige Scheiße!“

Ich habe mein Zeugs dann an einen Menschen gemailt, den ich noch nicht sehr lange kenne, der deshalb mit meinen beruflichen und persönlichen Gegebenheiten nicht allzu vertraut ist und einen halbwegs neutralen Blick auf den Text werden könnte. An einen Menschen, dessen Urteil ich sehr schätze, obwohl er Lehrer ist. Leider ist er bis Ende Januar zu beschäftigt, um sich das anzusehen. Lehrer eben.

Also komme ich nicht umhin, mich trotz aller Selbstzweifel einem professionellen Urteil zu stellen. Ich suche seit gestern eine Literaturagentur oder eine(n) Verlagslektor(in). Auch nicht einfach. Zu Anfang war ich selbstverständlich von einer internationalen Bieterauktion um die Druckrechte ausgegangen. De facto stelle ich gerade fest, dass ich mich im Verlagswesen nicht auskenne. An wen und wie viele Menschen schicke ich mein Werk? In welcher Form? Landet das da ungelesen sofort im Papierkorb, oder wird die Rückseite wenigstens als Schmierpapier verwendet, zum Beispiel für Anmerkungen der Lektorin zum siebten Band von ‚Feuchtgebiete’?

Kann mir da jemand helfen????????????? 

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